Ärzte Zeitung online, 09.12.2015

Stress in the City

Weshalb Großstädter schneller durchdrehen

Wer in einer Großstadt aufgewachsen ist, gerät unter Belastung leichter in Stress als Landeier. Dies könnte erklären, weshalb viele psychische Krankheiten in Städten häufiger auftreten.

Von Thomas Müller

Weshalb Großstädter schneller durchdrehen

In der Stadt könnten Lärm, Abgase, Feinstaub und die unnatürliche Umgebung Ursachen für psychische Probleme sein.

© lassedesignen / fotolia.com

BERLIN. Der Befund ist recht eindeutig und wurde in unterschiedlichen Ländern festgestellt: Die Prävalenz der meisten psychischen Störungen ist in Großstädten wesentlich höher als in kleineren Siedlungen.

Die Schizophrenierate ist etwa doppelt so hoch, Angststörungen, Suchtkrankheiten und Depressionen treten 30 bis 50 Prozent häufiger auf als in ländlichen Regionen.

Die Ursachen dafür sind noch weitgehend unklar, ein kausaler Bezug wird immer wieder angezweifelt. So wäre es möglich, dass Menschen mit einem hohen Risiko für psychische Störungen vermehrt Städte aufsuchen, weil sie sich dort weniger ausgegrenzt fühlen oder die Gesundheitsversorgung besser ist als auf dem Lande.

Allerdings, so Professor Florian Lederbogen vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, spreche inzwischen vieles dafür, dass das Leben in der Großstadt tatsächlich psychische Erkrankungen begünstigt.

So gebe es Untersuchungen, wonach das Erkrankungsrisiko wieder zurückgeht, wenn Menschen von der Stadt aufs Land ziehen. Es scheint zudem einen gewissen Dosiseffekt zu geben: So steigt das Risiko für psychische Störungen mit der Einwohnerzahl und der Bevölkerungsdichte.

Großstädter verlieren schneller die Kontrolle

Vermutet wird schon lange, dass Lärm, sozialer Stress, eine unnatürliche Umgebung, aber auch Abgase, Feinstaub und andere Toxine die Vulnerabilität für psychische Probleme erhöhen, dies lässt sich bislang jedoch nicht eindeutig nachweisen.

Dagegen weiß man mehr über die Stressreaktionen von Großstädtern - sie könnten das Bindeglied zwischen Umweltfaktoren und psychischen Erkrankungen sein. Sollten äußere Faktoren tatsächlich die Stressverarbeitung beeinträchtigen, ließe sich daraus eine Erklärung für das erhöhte Krankheitsrisiko ableiten.

Tatsächlich scheinen Großstädter mit Stresssituationen weniger gut klarzukommen. Mehrere Untersuchungen konnten in Stresstests eine erhöhte Cortisol-Ausschüttung zeigen. Unter vergleichbaren Bedingungen stiegen die Werte des Hormons im Speichel deutlich schneller an und erreichten dann über lange Zeit wesentlich höhere Werte als bei Landbewohnern.

In eine ähnliche Richtung deuten nun auch fMRT-Experimente, die Lederbogen auf dem DGPPN-Kongress in Berlin vorgestellt hat. Sein Team konnte für eine Untersuchung 32 gesunde Probanden gewinnen, die in unterschiedlich großen Städten und Gemeinden lebten und aufgewachsen waren.

Die Testpersonen mussten im MRT unter Zeitdruck Rechenaufgaben lösen, die ihnen auf einem Bildschirm eingeblendet wurden. Auf diesem sahen sie auch ein "Expertenpanel", das ihre Leistung kommentierte.

Experten erhöhen Druck

Die Experimentatoren erhöhten den Druck auf die Probanden zusätzlich, indem sie ihnen stets sagten, dass sie im Vergleich zu anderen Testpersonen viel schlechter abschnitten und sich mehr anstrengen sollten, sonst müsse das Experiment leider abgebrochen werden.

"Es sollte eine Situation entstehen wie in der Schule an der Tafel. Alle schauen zu und der Lehrer gibt bissige Kommentare", so Lederbogen. Die Gefahr, vor den Augen anderer zu scheitern, verursache mit den stärksten psychosozialen Stress.

Offenbar setzte eine solche Situation den Großstädtern am meisten zu: Bei ihnen wurde die rechte Amygdala signifikant stärker aktiviert als bei Landbewohnern, vor allem dann, wenn sie nicht nur aktuell in einer großen Stadt lebten, sondern dort auch aufgewachsen waren.

Bei Personen, die ihre Kindheit und Jugend in einer Großstadt verbrachten, fanden die Forscher unter Stress zudem eine verstärkte Aktivität im perigenualen anterioren cingulären Kortex (pACC), dagegen war das Volumen im dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC) signifikant reduziert - weitgehend unabhängig davon, wo sie jetzt lebten.

Was lässt sich daraus schließen? Die Amygdala reagiert unter anderem auf negative Emotionen und Bedrohungen, der pACC steuert die Hypothalamus-Hypophysen-Achse, zusammen bilden die beiden Strukturen ein Stress-Reaktions-Netzwerk.

Städter verlieren unter Stress eher die Kontrolle

Der präfrontale Kortex sollte dies kognitiv kontrollieren. Bei Städtern scheint das nicht so gut zu klappen - sie verlieren unter Stress offenbar eher die Kontrolle.

Dass Großstadtbewohner schneller ausrasten, mag nicht jeden überraschen. Interessant sind jedoch die Auswirkungen auf die Hirnentwicklung. Offenbar ist das Gehirn von Kindern und Jugendlichen besonders vulnerabel, das Großstadtleben hinterlässt hier einen lebenslang prägenden Abdruck, der sich in einer reduzierten Stresstoleranz bemerkbar macht.

Da eine überaktive Amygdala auch bei Angststörungen und Depression beobachtet wird und die Verknüpfung von Amygdala und pACC bei Schizophreniekranken gestört ist, erscheint es also durchaus plausibel, wenn das Leben in der Großstadt solche Erkrankungen begünstigt.

Stadtleben im Alter von Vorteil

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe von Lederbogen wurden von einem Team um Professor Oliver Gruber im Wesentlichen bestätigt. Die Forscher von der Universität in Göttingen hatten zudem Unterschiede im Belohnungssystem festgestellt, wenn sich Probanden zwischen einer kurzfristigen Belohnung und langfristigen Zielen entscheiden mussten.

In der Regel werden Impulse aus dem Belohnungssystem vom präfrontalen Kortex überstimmt, sofern sie übergeordneten Zielen im Wege stehen. Der Wunsch, Schokolade zu essen, ist mit dem Ziel abzuspecken nicht gut vereinbar. Es kommt zum "Desire-Reason-Dilemma".

Dabei kämpft der präfrontale Kortex vor allem mit dem Nucleus accumbens und dem ventralen Tegmentum um die Vorherrschaft. Bei Großstädtern geht dieser Kampf häufiger zugunsten des Belohnungssystems aus - ihre Impulskontrolle ist deutlich schlechter als die von Landbewohnern, hat das Team um Gruber anhand von fMRT-Experimenten herausgefunden.

Vor allem die Aktivität im ventralen Tegmentum könnten die Städter schlechter modulieren, auch reagiert die Amygdala stärker auf Belohnungsreize, sagte Gruber auf dem Kongress.

Auch genetisch bedingt

Die Großstadt macht jedoch nicht aus allen ihren Bewohnern leicht reizbare und impulsgesteuerte Individuen, das Risiko für solche negativen Auswirkungen ist wohl auch genetisch bedingt.

Inzwischen sind einige Genvarianten bekannt, die eine hyperaktive Stressantwort im Gehirn begünstigen. Für solche Menschen wäre die ländliche Abgeschiedenheit vielleicht günstiger.

Bei älteren Personen scheint sich das Gehirn jedoch an den Großstadtstress zu gewöhnen. Eine Untersuchung in Chicago (3 Millionen Einwohner) und dem landschaftlich idyllisch gelegenen Portland (600.000 Bewohner) ergab bei Jugendlichen in Chicago eine dreifach höhere Prävalenz von Ängsten und Sorgen, dagegen waren ältere Bewohner in Chicago deutlich weniger besorgt und depressiv als diejenigen in der Provinzstadt.

Zumindest im höheren Alter könnte sich das Großstadtleben positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Möglicherweise haben Rentner weniger unter dem urbanen Stress zu leiden und können eher die Vorteile der Stadt genießen.

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