Ärzte Zeitung, 29.12.2015

Translation

Psychiater wollen Zentren und nationale Register

Eine bessere Koordination und nationale Register sollen die psychiatrische Forschung in Deutschland voranbringen. So wurde auf dem DGPPN-Kongress erneut ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen gefordert.

Von Thomas Müller

BERLIN. Auch die psychiatrische Forschung wird sich in Zukunft stark auf praxisnahe Aspekte konzentrieren müssen. "Wir werden in den kommenden Jahren einen extremem Druck in Richtung translationaler Lösungen erleben", sagte Professor Hayo Kroemer von der Uniklinik Göttingen.

"Die Kombination von demografischem Wandel mit medizinischem Fortschritt wird nur dann für unser Gesundheitssystem erfolgreich zu meistern sein, wenn es gelingt, Innovationen mit vertretbaren Kosten schnell in die therapeutische Anwendung zu bringen", so Kroemer auf dem DGPPN-Kongress in Berlin.

Als Beispiel nannte er die steigende Zahl der Alzheimerkranken in Deutschland. Diese könnte im Jahr 2050 die Drei-Millionen-Grenze überschreiten. Bis dahin müsse es gelingen, den Beginn der Erkrankung um einige Jahre zu verzögern - das würde die Zahl der Erkrankten bereits drastisch senken.

Strukturelle Forschungsförderung

Um das Ziel zu erreichen, plädierten Psychiater auf der Tagung für eine stärkere strukturelle Förderung der Forschung.

Professor Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, verwies auf die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung an der Schnittstelle zwischen Forschung und klinischer Anwendung.

Sie sind explizit dem translationalen Ansatz verpflichtet, sollen also dafür sorgen, dass Erkenntnisse aus Forschungslaboren schneller in die Versorgung gelangen - vor allem mit Blick auf Volkskrankheiten.

Bislang gibt es solche Zentren für Infektionen, Herz-Kreislauf-Leiden, Lungenkrankheiten, Krebs, neurodegenerative Erkrankungen und Diabetesforschung, aber noch immer nicht für psychische Störungen wie Depressionen. "Die DGPPN fordert schon seit Jahren ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen", sagte Meyer-Lindenberg.

Wie solche Zentren die Versorgung verbessern können, erläuterte Professor Martin Hrabe de Angelis, Direktor des Instituts für Experimentelle Genetik in München, am Beispiel des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD).

So konnten an dem Zentrum Erkenntnisse gewonnen werden, die eine individuellere Diagnose und Behandlung ermöglichen. Forscher am DZD hatten entdeckt, dass Lebensstilinterventionen bei bestimmten Diabetikern aufgrund genetischer und molekularer Unterschiede wenig nützen.

Dies führte nun zu Studien, in denen der Stoffwechsel dieser Patienten verbessert werden soll. Und bei Typ-1-Diabetikern lassen sich oft schon vor dem Ausbruch der Krankheit Autoantikörper nachweisen. Eine frühe Diagnose könnte helfen, die Krankheit zu verzögern oder gar zu verhindern.

In der Psychiatrie verspricht man sich inzwischen viel von induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS), um individuellere Therapien zu entwickeln.

Da Hirngewebe für eine molekulare Untersuchung nicht so einfach zur Verfügung steht wie Gewebe anderer Organe, versuchen Forscher durch genetische Reprogrammierung aus Hautzellen Nervenzellen und daraus wiederum Organoide zu züchten. An solchen "Minibrains" können sie dann neue, auf bestimmte Patientengruppen zugeschnittene Wirkstoffe testen.

Ruf nach digitalen Krankenakten

Nicht vergessen werden dürfe jedoch, dass auch die Auswertung von Behandlungs- und Versorgungsdaten die translationale Medizin beflügeln könne, sagte Kroemer. Hat man Zugriff auf solche Daten, könne man Zusammenhänge besser verstehen, neue Hypothesen generieren und diese in einem Experiment oder in einer Studie prüfen.

Kroemer kritisierte, dies sei in Deutschland bislang kaum möglich, weil es keine umfassenden nationalen Register und Datenbanken gibt. "Wenn Sie heute eine seltene Erkrankung haben, dann sind Sie hier weitgehend verloren, weil wir keine Möglichkeit haben zu schauen, wer noch eine solche Krankheit hat und wie sie verlaufen ist."

Doch auch bei häufigen Erkrankungen sieht er in den Versorgungsdaten einen Schatz, der bislang vernachlässigt wird.

"Wir produzieren in Kliniken jeden Tag Unmengen von Daten in der Routinebehandlung, haben aber keine Chance, diese Daten für die Forschung zu nutzen. Wir brauchen dringend flächendeckende, digital zugängliche Krankenakten."

Der Dekan der medizinischen Fakultät in Göttingen kritisierte etwa, dass es noch immer kein Register für Typ-1-Diabetes in Deutschland gibt, stattdessen werde darüber diskutiert, ob man die Blutgruppe auf die Gesundheitskare drucken darf oder nicht.

"Wenn wir erfolgreich bei der Translation sein wollen, werden wir diese Probleme dringend angehen müssen." Kroemer sieht aber auch die Krankenkassen in der Pflicht, die auf riesigen Datensätzen sitzen, die für die Forschung extrem hilfreich sein könnten.

Viele Menschen wären zudem gerne bereit, ihre Krankendaten für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Selbst Patientenvertreter beklagten inzwischen, dass der in Deutschland praktizierte Datenschutz verhindere, dass sie ihre Daten teilen und damit die Versorgung verbessern könnten.

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