Ärzte Zeitung online, 02.06.2016

Dystonie

Elektroden im Hirn bringen Läufer wieder in die Spur

Früher lief er Marathons, später konnte er durch eine ausgeprägte Läuferdystonie kaum noch gehen: Um dem Patienten zu helfen, griffen Ärzte in den USA zu einer sehr ungewöhnlichen Methode - erfolgreich.

Von Thomas Müller

Elektroden im Hirn bringen Läufer wieder in die Spur

Mit Hirnstimulation konnte einem Mann mit ausgeprägter Läuferdystonie geholfen werden.

© Maridav / iStock / Thinkstock

VANCOUVER. Plötzlich auftretende Muskelkontraktionen und Beine, die nicht mehr das tun, was sie sollen - solche Probleme können die Karriere von professionellen Läufern rasch beenden.

Ähnlich wie bei Musiken kann es auch bei Läufern zu fokalen Dystonien kommen. Nicht selten werden diese zunächst als Folge orthopädischer Probleme fehlgedeutet.

Nicht immer helfen Physiotherapie und Botulinumtoxin

Wird rechtzeitig die korrekte Diagnose gestellt, kann eine speziell Physiotherapie oder eine Behandlung mit Anticholinergika sowie Antikonvulsiva und Botulinumtoxin die Beschwerden lindern.

Mitunter gibt es jedoch auch sehr hartnäckige Fälle. So haben Neurologen um Dr. Behrang Saminejad von der Universität in Salt Lake City auf dem US-Neurologenkongress in Vancouver über einen 60-jährigen Mann berichtet, der aufgrund der Dystonien kaum noch richtig gehen konnte.

Der vielfache Marathonläufer kämpfte bereits seit drei Jahren mit den Beschwerden, die zunächst nur beim Laufen auftraten.

Dabei verdrehten sich bei ihm in unkontrollierbarer Weise das rechte Knie und die Ferse. Die Beschwerden nahmen immer mehr zu, der Mann musste schließlich das Laufen aufgeben.

Immer häufiger traten die Muskelkontraktionen auch beim normalen Gehen auf, sodass er sich nach einiger Zeit nur noch mit Krücken fortbewegen konnte.

Nach drei Monaten frei von Beschwerden

Da weder Physiotherapie noch Medikamente oder Botulinumtoxin ausreichend wirksam waren, versuchten es die Ärzte um Saminejad mit einer tiefen Hirnstimulation (THS).

Durch die elektrische Reizung der Pars interna des Globus pallidus ließen sich in Studien diverse andere Formen von Dystonien erfolgreich lindern, die Neurologen implantierten dem Patienten daher linksseitig Elektroden an die entsprechende Stelle ins Pallidum.

Drei Monate nach der Operation und Optimierung der THS war der Patienten praktisch frei von jeglichen Dystonien.

Er konnte die Medikation weitgehend absetzen, musste aber eine Clonazepam-Dosis von 0,5 mg zweimal täglich beibehalten, da sonst wieder leichte Dystonien auftraten.

Nach neun Monaten war er damit immer noch beschwerdefrei und konnte vorsichtig wieder mit seinem Training beginnen, zunächst nur auf dem Fahrrad und dem Laufband, inzwischen läuft er wieder bis zu 15 km täglich.

Die Neurologen um Saminejad sehen in der Globus-pallidus-THS daher eine sehr wirkungsvolle Methode auch gegen therapierefraktäre Läuferdystonie.

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