Ärzte Zeitung, 15.08.2016

Meilenstein für Ärzte?

Spina bifida-Op im Mutterleib geglückt

Ein interdisziplinäres Team hat ein Kind elf Wochen vor der Geburt in utero operiert. Die Fehlbildung konnte sich bis zur Geburt zurückbilden. Revolutioniert dies die Behandlung?

Spina bifida-Op im Mutterleib geglückt

Erfolgreich: Ärzte konnten eine Spina bifida bereits im Mutterleib behandeln.

© Universitätsklinikum Heidelberg

HEIDELBERG. Mit einem europaweit einmaligen Op-Verfahren hat ein interdisziplinäres Team am Uniklinikum Heidelberg ein ungeborenes Kind noch im Mutterleib wegen einer Spina bifida aperta operiert, meldet das Klinikum (wie kurz berichtet).

Weitere elf Wochen konnte sich das Kind im Bauch seiner Mutter entwickeln, bevor es am 9. August per Kaiserschnitt zur Welt kam.

Für den Eingriff eröffneten die Gynäkologen um Professor Christof Sohn die Gebärmutter mit einem acht Zentimeter langen Schnitt. Das Kind wurde vorsichtig so gedreht, dass der offene Rücken gut zugänglich war, und erhielt eine separate Narkose.

Rückenmark, harte Hirnhaut und Haut wurden Schicht für Schicht verschlossen, austretendes Fruchtwasser wurde während des Eingriffs kontinuierlich ersetzt.

Kind hatte eine Meningomyelozele

Der als Spina bifida aperta bezeichnete Defekt entsteht zwischen dem 20. und 28. Tag in der Schwangerschaft, wenn sich die Wirbelkörper sowie häufig auch die Häute, die das Rückenmark umgeben, nicht verschließen, erinnert die Uniklinik Heidelberg in ihrer Mitteilung. Je nach Ausmaß und Lage des Defektes sind die betroffenen Kinder später in ihrer Motorik stark beeinträchtigt.

Eine schwere und häufige Form der Spina bifida, an der auch das nun in Heidelberg operierte Kind litt, ist die Meningomyelozele: Durch einen Spalt in der Wirbelsäule drückt sich Rückenmarksgewebe mitsamt Nervenfasern in einer Blase nach außen.

Bei dem in Heidelberg operierten Kind habe sich diese Blase über ca. 3,5 Zentimeter Länge an der Lendenwirbelsäule erstreckt, so die Mitteilung. Durch die Druckveränderung im offenen Rückenmark seien Teile des Kleinhirns in den Wirbelkanal verlagert gewesen.Auffälligkeiten bildeten sich noch in Schwangerschaft zurück

Die vor dem Eingriff im Ultraschall erkennbaren deutlichen Veränderungen am Gehirn des Kindes bildeten sich noch während der Schwangerschaft zurück. "Das ist ein riesiger Erfolg, der nur durch intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich war", so Sohn in der Mitteilung der Uniklinik.

Fruchtwasser schädigt ungeschütztes Rückenmark

Bislang seien Kinder mit Spina bifida erst nach der Geburt operiert worden, doch das Fruchtwasser schädige das offen liegende, ungeschützte Rückenmark irreparabel, erinnert die Uniklinik in ihrer Mitteilung. Es gebe einige wenige Arbeitsgruppen, die die Op im Mutterleib endoskopisch versuchen.

Das Heidelberger Team habe sich jedoch aufgrund der internationalen Datenlage für den offenen Zugang entschieden. Vorteil bei offener Op.

"Die Studienergebnisse aus den USA belegen eindrucksvoll den großen Vorteil einer offenen fetalchirurgischen Operation der Spina bifida", sagt die Kinder-Neurochirurgin Privatdozentin Dr. Heidi Bächli, die das Kind am Rücken operiert hat. "Die Kinder leiden seltener an einem Wasserkopf, das Kleinhirn verlagert sich weniger stark in den Wirbelkanal und das Ausmaß der Lähmungen kann deutlich reduziert werden."

In der US-amerikanischen Studie MOMS (Management of Myelomeningocele Study; NEJM 2011; 364:993-1004) sei von 2003 bis 2010 der Nutzen der offenen Fetalchirurgie bei Spina bifida aperta geprüft worden, so die Mitteilung. Die betroffenen Kinder wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt: Die einen wurden schon in utero operiert, die anderen erst nach der Geburt, wie bis dato üblich.

Abbruch der Studie: Vorteile der vorgeburtlichen Op überwiegen

Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, weil die Vorteile der vorgeburtlich operierten Kinder so groß waren, dass eine zufällige Zuteilung nicht mehr vertretbar war. Die im Mutterleib operierten Kinder konnten sich besser bewegen, liefen später auch besser und waren selbständiger.

Während mehr als 80 Prozent der nach der Geburt behandelten Kinder einen Hydrocephalus entwickelten und bei ihnen dauerhaft überschüssiger Liquor über einen Shunt in die Bauchhöhle abgeleitet werden musste, war dies nur bei rund 40 Prozent der intrauterin operierten Kinder der Fall. Die Kinder des MOMS-Trials werden noch bis zu ihrem neunten Lebensjahr begleitet und ihre Entwicklung erfasst.

Das Heidelberger Team kooperiert mit einem der weltweit größten fetalchirurgischen Zentren in den USA, dem St. Louis Fetal Care Institute, das bereits seit einigen Jahren erfolgreich mit diesem Verfahren behandelt.

Die Expertise hierzu hatte das interdisziplinäre Heidelberger Team bestehend aus Gynäkologen, Neurochirurgen, Anästhesisten und Neonatologen in St. Louis erworben, die Kollegen aus den USA standen den Heidelbergern bei ihrem ersten Eingriff beratend zur Seite. (eb)

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