Ärzte Zeitung, 27.01.2004

HINTERGRUND

Bei depressiven Alten ist es wichtig, die Lebensgeschichte zu kennen

Depressionen im Alter sind häufig. 40 Prozent aller Suizide werden von über 60jährigen verübt. Foto: dpa

Von Pete Smith

Alte Menschen sind eine der suizidgefährdesten Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Psychotherapeutisch jedoch sind Bundesbürger über 60 absolut unterversorgt, wie der Kasseler Psychiater und Psychoanalytiker Professor Hartmut Radebold, Nestor der deutschsprachigen Alterspsychotherapie, in einem Interview mit "Psychologie Heute" beklagt.

In Deutschland leiden nach Auskunft des Kompetenznetzes "Depression, Suizidalität" etwa vier Millionen Menschen unter Depressionen. Mehr als 11 000 Menschen pro Jahr sterben durch eigene Hand, weitere 100 000 Deutsche jährlich versuchen, sich das Leben zu nehmen. Werden Depressionen bei den Betroffenen nicht rechtzeitig erkannt, sind sie oft Hauptursache für Suizide, so der Münchener Psychiater und Sprecher des Kompetenznetzes, Professor Ulrich Hegerl.

Krankheit und Behinderung machen viele depressiv

Alte Menschen sind davon überproportional häufig betroffen. 40 Prozent aller Suizide werden nach Angaben des Bayrischen Gesundheitsministeriums von Menschen über 60 Jahren verübt. Vor allem über 75jährige Männer sind gefährdet. Mit steigendem Alter wird der Unterschied zwischen Suizidversuch und vollendetem Suizid zudem immer geringer. Über den sogenannten versteckten Suizid, etwa die Nahrungsverweigerung und die Nichteinnahme notwendiger Medikamente, gibt es derzeit keine statistischen Erkenntnisse.

Laut Radebold gibt es viele Ursachen, warum gerade ältere Menschen so häufig unter Depressionen leiden. So müssen sie beispielsweise auf vielfältige Verluste reagieren: den Tod von Eltern, Partnern, Kindern. "Sie müssen damit fertig werden, daß ihre Fähigkeiten nachlassen, das reicht vom Sehen und Hören bis zur Sexualität." Hinzu kämen Kränkungen und Abhängigkeiten (etwa in der Pflege oder in Kliniken), Krankheiten und Behinderungen. Wenn dann noch viel Zeit zum Nachdenken bleibt, sind Depressionen nahe.

Im Alter brechen oft Traumatisierungen wieder auf

Oft seien alte Menschen zudem in jungen Jahren traumatisiert worden: durch Krieg, Flucht, Hunger, Verwaisung und Gewalt. Im Alter brächen solche Traumatisierungen dann häufig auf, da die Menschen plötzlich viel Zeit zum Erinnern haben.

Radebold setzt sich daher dafür ein, biografische und historische Aspekte in der Therapie stärker zu berücksichtigen. "Wir können über 60jährige nicht verstehen, wenn wir nicht wissen, was sie durchgemacht haben."

Die Psychotherapeuten, so Radebold, müßten bei alten Patienten "auch historisch denken und die Zusammenhänge kennen, sonst kommen sie nicht an den Kern vieler posttraumatischer Belastungsstörungen. In der Ausbildung sei das leider bisher kein Thema", so der Psychiater ("Psychologie Heute", 12, 2003, 62). Dabei sei die Lebensgeschichte ein wichtiger Therapieansatz.

Für eine Therapie ist es nie zu spät

Die schwierigste Aufgabe aber scheint darin zu bestehen, die Betroffenen überhaupt in die Praxis zu bringen. Radebold: "Schon bei einem Alter von 55 wird es dürftig, und in den Praxen finden sich - unabhängig von der Schulrichtung - höchstens ein bis zwei Prozent über 60jährige."

Immerhin gebe es zarte Andeutungen zu einer Trendumkehr. "Seit etwa zwei Jahren kommen Jahrgänge in Praxen und Beratungsstellen, die offenbar aufgeschlossener für die Behandlung psychischer Probleme sind", sagt Radebold. Männer seien dabei mit etwa 20 Prozent Anteil weiterhin in der Minderheit.

Dabei könne eine Therapie auch bei alten Menschen Symptomfreiheit erzielen, ist der Psychiater überzeugt. "Sie kann Konflikte lösen, selbst solche, die schon sehr lange zurückliegen, und auch noch Entwicklungen ermöglichen. Die Patienten sind nach der Therapie stabiler; sie können besser mit Belastungen, Verlusten und Gesundheitsproblemen umgehen."

Wie wichtig eine rechtzeitige Intervention ist, beweisen unter anderem auch die Erfolge, die das "Nürnberger Bündnis gegen Depression" erzielt hat (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Seit Januar 2001 werden in Nürnberg Hausärzte geschult, Depressionen bei ihren Patienten besser zu erkennen. Seither konnte die Zahl der Suizide in der Stadt um zwanzig Prozent gesenkt werden, wie erste Zwischenergebnisse bestätigen.

FAZIT

Das Problem der Altersdepression wird in Deutschland schon wegen des demographischen Wandels weiter zunehmen. Laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden wird die Zahl der über 60jährigen Bundesbürger bis 2050 um 37 Prozent auf 28 Millionen steigen. 80 Jahre und älter werden im Jahr 2050 etwa 9,1 Millionen Deutsche und damit zwölf Prozent der Bevölkerung sein (2001: 3,2 Millionen gleich 3,9 Prozent). Die Zahl der alten Menschen insgesamt wird bis zum Jahr 2020 linear und schon 2030 sprunghaft ansteigen.

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