Ärzte Zeitung, 14.06.2004

Zuwenig Rückfall-Prophylaxe bei Depressionen

Medikamente werden oft zu früh abgesetzt / Mangelnde Krankheitseinsicht und Vorurteile sind Ursachen

MÜNCHEN (wst). Etwa 30 bis 50 Prozent aller Patienten mit einer schweren Depression bekommen schon wenige Wochen bis Monate nach einer erfolgreichen Akuttherapie einen Rückfall. Oft haben solche Patienten ihre Medikation vorzeitig abgesetzt. Gründe dafür sind nicht nur mangelnde Krankheitseinsicht nach der akuten Phase, sondern auch Vorurteile gegenüber modernen Antidepressiva.

Die Arzneitherapie sollte zur Rezidivprophylaxe mindestens für ein halbes Jahr, bei stark rückfallgefährdeten Depressions-Patienten bis auf zwei Jahre nach der Akutbehandlung ausgedehnt werden. Diese von mehreren Fachgesellschaften gestützten Empfehlungen werden bislang aber nur unzureichend umgesetzt. Daran erinnerte der Psychiater Professor Ulrich Hegerl aus München.

Nach den Daten mehrerer Studien haben 30 bis 68 Prozent aller mit einem Antidepressivum behandelten Patienten ihr Psychopharmakon bereits einen Monat nach Therapiebeginn wieder abgesetzt, sagte Hegerl auf einer Veranstaltung des Unternehmens Pfizer in München.

Die Gründe: Depressionen würden von vielen Betroffenen und Angehörigen immer noch nicht als schwere Erkrankung sondern als Versagen wahrgenommen. Mit jährlich 11 000 Suizidopfern sterben in Deutschland jedoch mehr Menschen an den Folgen einer Depression als an Verkehrsunfällen, AIDS und dem Mißbrauch illegaler Drogen zusammen, sagte Hegerl.

Ein weiterer Grund für die schlechte Compliance: In einer aktuellen Telefonumfrage glaubten 80 Prozent von über 1000 Deutschen, Antidepressiva machten süchtig. Mit dem Hinweis, daß es für Antidepressiva keinen Schwarzmarkt gibt, läßt sich dieses Vorurteil überzeugend entkräften, empfahl Hegerl.

Selbst wenn es den Patienten klar ist, daß ihr Wohlbefinden von der Einnahme eines Antidepressivums abhängt, ist dies noch keine Garantie für eine anhaltend gute Compliance, so Hegerl. Denn nicht wenige Patienten beunruhigt die Vorstellung, nur mit psychopharmakologischer Hilfe unbeschwert leben zu können. Aufklärungsziel müsse sein, daß die Notwendigkeit einer dauerhaften Therapie bei Depression genauso akzeptiert wird wie bei Hypertonie.

STICHWORT

Langzeittherapie bei Depressionen

In den meisten Leitlinien wird eine Langzeittherapie von mehr als sechs Monaten mit Antidepressiva empfohlen, wenn bei Depressionspatienten bisher zwei oder mehr mittelschwere bis schwere Episoden aufgetreten sind. Eine Langzeittherapie ist um so dringlicher, je gravierender und anhaltender die vorangegangenen Episoden waren oder wenn suizidale Tendenzen bekannt sind. (wst)

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