Ärzte Zeitung, 16.12.2004

Bei der Versorgung depressiver Patienten hapert’s noch

Nach wie vor bekommt nur eine Minderheit der Depressiven eine adäquate Therapie / SSRI werden noch relativ selten verschrieben

BERLIN (otc). Im Vergleich zu anderen Industrieländern werden in Deutschland überproportional häufig trizyklische Antidepressiva verschrieben. Ihr Anteil beträgt 43 Prozent an den Antidepressiva-Verordnungen, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) haben dagegen nur einen Anteil von 25 Prozent.

In internationalen Leitlinien werden Trizyklika jedoch als Arzneien der zweiten und dritten Wahl eingestuft, sagte Professor Hans-Jürgen Möller von der Psychiatrischen Klinik der LMU München. "Mit der Versorgungssituation von depressiven Patienten können wir daher nicht glücklich sein".

Möller faßte mit dem Satz die Ergebnisse einer State-of-the-Art-Konferenz in München zusammen, die sich mit der Versorgung von depressiven Patienten befaßt hatte. Man könne demnach von vier Millionen behandlungsbedürftigen Patienten mit Depression in Deutschland ausgehen, in hausärztlicher Behandlung seien davon etwa 60 bis 70 Prozent, so Möller.

Bei den Patienten, die zum Hausarzt gehen, werde dann bei etwa der Hälfte eine Depression diagnostiziert, und adäquat behandelt werden etwa sechs bis neun Prozent. Das heißt, die Zahl der gut Versorgten schrumpfe immer mehr, sagte Möller bei einer von Lundbeck unterstützten Veranstaltung in Berlin. Hinzu kämen noch Patienten, die ihre Medikamente wegen unerwünschter Wirkungen selbst wieder absetzen.

Neue Untersuchungen hätten zudem ergeben, daß es wichtig sei, eine Remission zu erreichen. Denn bestünden Depressions-Symptome weiter, sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, daß die Depression chronifiziert oder innerhalb eines Jahres wieder auftritt. Um eine Remission zu erreichen, brauche man wirksame und gut verträgliche Medikamente, so Möller.

Die Entwicklung der SSRI bedeute für Patienten mit Depressionen einen deutlichen Fortschritt, da sie besser verträglich und leichter handhabbar seien als Trizyklika. Ein Fortschritt sei auch die Entwicklung von Escitalopram (Cipralex®). Dabei handelt es sich um das aktive S-Enantiomer von Citalopram. Dieses habe sich im Vergleich zu Citalopram als wirksamer herausgestellt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBV drücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Auch mit Kind zügig möglich"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »