Forschung und Praxis, 23.03.2005

Suizidrate bei Männern ist höher als bei Frauen

Besonders Männer zwischen 40 und 60 sind betroffen

Ob ein Patient Suizidgedanken hegt, läßt sich für Hausärzte meist nur schwer feststellen, zumal die Patienten von sich aus kaum darüber sprechen. Ergeben sich im Gespräch Anhaltspunkte für Suizidalität, sollte sofort ein Psychiater hinzugezogen werden.

Diplompsychologe David Althaus im Gespräch mit Christina Ott: "Der Hausarzt kann nicht derjenige sein, der eine akute suizidale Krise löst. Er kann aber das Problem erkennen und dann weitere professionelle Hilfe hinzuziehen, sei es bei Kliniken, bei niedergelassenen Fachärzten oder bei Krisendiensten".

Forschung und Praxis: In Deutschland sterben jährlich mehr als 11000 Menschen durch Suizid. Die Zahl der Suizidversuche liegt etwa zehnmal höher. Untersuchungen haben ergeben, daß etwa die Hälfte derjenigen, die sich selbst getötet haben, einen Monat vor ihrem Suizid beim Hausarzt waren. Welche Andeutungen oder Formulierungen des Patienten sollten den Hausarzt aufhorchen lassen?

Dr. hum. biol. Diplompsychologe David Althaus aus München: Bei etwa 90 Prozent der Suizidenten lag im Vorfeld der Selbsttötung eine Depression, Schizophrenie oder Suchterkrankung vor.

Dr. David Althaus: Viele suizidgefährdete Patienten sprechen beim Hausarzt von sich aus das Thema nicht an. Oft gehen sie zum Hausarzt, weil sie verschiedene somatische Beschwerden haben. Für den Hausarzt ist es dann schwer, Anhaltspunkte zu haben, die einen Verdacht rechtfertigen. Bei Andeutungen wie ‘das hat bei mir ja eh keinen Sinn mehr’ oder ‘na ja, irgendwann muß auch mal Schluß sein’ sollte der Hausarzt allerdings hellhörig werden.

Hier muß er genau nachfragen, was der Patient damit meint. Er sollte das Tabuthema beim Namen nennen und den Patienten fragen, ob er dabei an seinen eigenen Tod denkt. Ist das Thema erst einmal angesprochen, sind suizidale Patienten meist erleichtert, daß sie mit jemandem darüber sprechen können.

Dies hat nicht zuletzt das Nürnberger Bündnis gegen Depression belegt. Hier sank die Suizidrate um 20 Prozent, nachdem Ansprechpartner wie Ärzte, Lehrer und Polizisten gezielt über Depressions-Symptome und Therapiemöglichkeiten informiert worden waren.

FuP: Man sollte als Arzt also keine Angst haben, durch Nachfragen den Patienten erst auf Suizidgedanken zu bringen ...

Althaus: Nein. Hier kann man nur an die Hausärzte appellieren: Habt keine Angst, daß ihr das Problem verschlimmert, ihr macht es nur transparenter. Denn nur durch Nachfragen wird deutlich, ob der Patient tatsächlich suizidgefährdet ist oder nicht.

FuP: Wann ist ein Patient denn akut gefährdet?

Althaus: Akut gefährdet ist ein Patient, wenn er sich bereits intensiv Gedanken gemacht und das Vorgehen konkret geplant hat. Äußerungen wie ‘Ich weiß auch, wie ich es machen würde. Ich würde mich erhängen, und habe auch schon den Strick dafür.’ sind sehr alarmierend. Hier sollte einvernehmlich mit dem Patienten sofort weitere Hilfe hinzugezogen werden. Der Hausarzt kann nicht derjenige sein, der eine akute suizidale Krise löst. Er kann aber das Problem erkennen und dann weitere professionelle Hilfe hinzuziehen, sei es bei Kliniken, bei niedergelassenen Fachärzten oder bei Krisendiensten.

Etwas anderes ist es bei Patienten, die zum Beispiel Verlusterlebnisse zu verarbeiten haben. Wenn jemand um seinen gestorbenen Ehepartner trauert und in diesem Zusammenhang an den eigenen Tod denkt, sich aber von einer suizidalen Absicht distanziert, ist es nicht immer nötig, einen Facharzt einzuschalten. Hier ist allein schon das ärztliche Gespräch eine große Entlastung. Ob hier eine medikamentöse Therapie hilfreich ist, hängt stark vom einzelnen Patienten ab.

FuP: Wie therapiert man suizidale Patienten, die an psychiatrischen Grunderkrankungen leiden?

Althaus: Bei etwa 90 Prozent der Suizidenten lag im Vorfeld der Selbsttötung eine Depression, Schizophrenie oder Suchterkrankung vor. Oft sind es auch mehrere gleichzeitig.

Bei Depressionen ist es wichtig, mittelfristig ein Antidepressivum in ausreichender Dosierung zu verschreiben. Es dauert allerdings mehrere Wochen, bis das Medikament wirkt. In dieser Zeit kann sich die Suizidalität manchmal noch verstärken. Hier ist es besonders wichtig, den Patienten engmaschig in die Praxis zu bestellen und im Gespräch Suizidalität regelmäßig abzuklären.

Die Latenzzeit, in der der antidepressive Effekt noch nicht spürbar ist, kann man unter Umständen auch mit einem Sedativum überbrücken. Liegt akute Suizidalität vor, sollte der Patient unbedingt von einem Facharzt betreut werden.

Auch Patienten mit bipolaren Störungen sind in bestimmten Phasen besonders gefährdet für einen Suizid. Bei diesen Patienten hat Lithium einen spezifischen antisuizidalen Effekt. Allerdings hilft es nicht in der unmittelbaren suizidalen Krise. Hier muß man versuchen, Zeit zu gewinnen, bis diese wieder abklingt.

Bei Patienten mit bipolaren Störungen, die immer wieder suizidal werden, kann eine langfristige Einstellung auf Lithium jedoch sehr hilfreich sein.

FuP: Immer wieder flammt die Diskussion auf, daß Antidepressiva Suizidalität induzieren können ...

Althaus: Das ist eine ganz problematische Diskussion, da sie nicht nur die Ängste bei den Patienten, sondern auch bei den Ärzten schürt.

Tatsächlich gibt es Kasuistiken, bei denen der Eindruck entsteht, daß Patienten durch Antidepressiva kurzfristig in ihrer Aktivität gesteigert sind, während die emotionale Entlastung noch nicht vorhanden ist. Hier könnte man vermuten, daß ein Antidepressivum das Suizidrisiko erhöht. Es gibt aber keine Studien, die dies wirklich belegen. Eine Meta-Analyse von Khan und Mitarbeitern aus dem Jahre 2000 spricht klar gegen einen solchen Zusammenhang.

In mehreren Zulassungsstudien mit insgesamt über 20 000 Patienten fanden sich keine Hinweise für eine erhöhte Suizidrate bei Patienten, die ein SSRI oder ein anderes Antidepressivum bekommen hatten im Vergleich zu Placebo.

Langfristig gesehen sinkt das Suizidrisiko durch die Einnahme von Antidepressiva. Aus eigenen Erfahrungen ist es bei einer Depression immer sinnvoll, auch im Hinblick auf die Suizidalität ein Antidepressivum zu verschreiben. Allerdings muß man den Patienten genau im Auge behalten und beobachten, wie sich die Gedanken an den Tod entwickeln. Es wäre ein Kunstfehler, wenn man darauf verzichten würde.

FuP: Gibt es Menschen, die eher zum Suizid neigen?

Althaus: Grundsätzlich ist das Suizidrisiko bei den Männern viel stärker ausgeprägt als bei den Frauen. In Deutschland haben wir ein Verhältnis von etwa 70 zu 30. In anderen Ländern ist das Verhältnis oft noch viel extremer. In den baltischen Staaten sind zum Beispiel 15 Prozent der Suizidenten Frauen und 85 Prozent Männer.

Suizid ist in den meisten Ländern ein Phänomen, das mit dem Alter zunimmt. Dies gilt interessanterweise nicht für England, auch Griechenland hat extrem niedrige Suizidraten. Auch in Dänemark, Schweden und Norwegen sind die Suizidraten in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen. Dies gilt aber weit weniger für Finnland, denn trotz guter Ausbildung und geringer Arbeitslosigkeit hat Finnland gerade bei jungen Männern hohe Suizidraten.

Die jährliche Suizidrate in Deutschland liegt bei 14 Fällen pro 100 000 Einwohner. Bei Kindern sind 30 bis 40 Fälle pro Jahr bekannt. Das Problem Suizid tritt verstärkt ab der Pubertät auf. Bei den 15- bis 20jährigen kommt es zu bis zu 300 Suiziden pro Jahr. Zahlenmäßig sind die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen, Männer zwischen 40 und 60 Jahren. Diese Männer haben zusätzlich zu einer psychiatrischen Erkrankung akute massive Lebensprobleme wie Arbeitslosigkeit, Schulden oder Trennungssituationen zu bewältigen.

Die relativen Zahlen sind dagegen bei alten Männern ab etwa 75 Jahren deutlich am höchsten. Hier hat man Raten von bis zu 100 pro 100 000 im Jahr. Bei Männern führen der Tod des Ehepartners und körperliche Erkrankungen eher zu suizidalem Verhalten als bei Frauen.

Suizidalität - Schicksal oder Genetik?

Offensichtlich sind auch neurobiologische und genetische Ursachen beim suizidalen Verhalten von Bedeutung. Darauf hat Dr. Dan Rujescu von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf dem Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin hingewiesen.

So weisen Untersuchungen post mortem darauf hin, daß das serotonerge System eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Suizidalität spielt: Im lumbalen Liquor wurden eine erhöhte Konzentration von Serotoninrezeptoren und eine verminderte Konzentration des Serotonin-Metaboliten 5-Hydroxyindolessigsäure gefunden.

Diskutiert werde hier ein Zusammenhang zwischen niedriger zentraler serotonerger Aktivität und einer erhöhten Impulsivität und Aggressivität auch sich selbst gegenüber, sagte der Neurobiologe. Bestätigt wurde dies in Tierversuchen - hier zeigten Mäuse, bei denen der Serotonin-Transporter gestört war, ein erhöhtes Maß an Aggressivität.

Auch genetische Faktoren scheinen Suizidalität zu beeinflussen. Kam es bei Verwandten ersten Grades zu Suiziden oder Suizidversuchen, war in Studien auch bei den Nachkommen eine höhere Rate zu finden. Zudem weisen eineiige Zwillinge höhere Konkordanzraten hinsichtlich Suizidversuchen auf als zweieiige. (otc)

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