Ärzte Zeitung, 04.11.2005

Wissen über Depressionen bringt gegen Suizide mehr als vermutet

Haben Patienten konkrete Suizidpläne, ist stets eine Klinikeinweisung nötig

NEU-ISENBURG (mut). Wenn Hausärzte Depressionen und Suizidgedanken ihrer Patienten gut erkennen, tragen sie dazu bei, Suizide zu verhindern. Eine Analyse hat ergeben, daß die Fortbildung von Hausärzten mit zu den effektivsten Mitteln gehört, um die Suizidrate zu senken.

10733 Suizide gab es 2004 in Deutschland
74 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, waren Männer
Geschulte Ärzte können wahrscheinlich viele Suizide verhindern.

In der Analyse hatten Suizidexperten insgesamt 93 Studien zu Präventionsprogrammen und Arzneimitteltherapie sowie epidemiologische Studien ausgewertet (JAMA 294, 2005, 2064).

Das Ergebnis: Werden Ärzte über Depressionssymptome und -therapien fortgebildet, trägt dies dazu bei, die Suizidrate in der jeweiligen Region um 20 bis 70 Prozent zu senken - offenbar dadurch, daß vermehrt depressive Patienten erkannt und behandelt werden. Auch die Schulung von Pfarrern und Lehrern konnte die Suizidrate senken - in Studien um 40 Prozent.

Die Analyse bestätigt damit die Ergebnisse des Nürnberger Bündnisses gegen Depression. Bei dem Projekt wurden 2001 und 2002 im Raum Nürnberg Hausärzte, Pfarrer, Lehrer und Polizisten über Depression weitergebildet. Im Jahr 2000 starben dort 620 Menschen durch Suizid, 2002 waren es noch 471 (minus 24 Prozent, wir berichteten).

Sätze wie "Ich habe keine Lust mehr zu leben" sollten von Ärzten ernst genommen werden, fordert der Psychiater Professor Armin Schmidtke aus Würzburg. Auch ein ungewohnt aggressives Verhalten könne auf eine Suizidgefahr deuten. Solche Menschen sollten direkt auf Suizidgedanken angesprochen werden.

Bei konkreten Suizidplänen, etwa wenn jemand schon Tabletten besorgt hat, ist eine Klinikeinweisung nötig, so der Psychiater Professor Hans Peter Volz aus Werneck.

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