Ärzte Zeitung, 24.10.2007

Viele Suizide lassen sich vermeiden

Männer über 70 Jahre sind besonders gefährdet / Vor dem Suizid besteht oft noch Kontakt mit Hausärzten

NEU-ISENBURG (ner). Etwa 11 000 Menschen in Deutschland sterben jedes Jahr durch Suizid. Das sind deutlich mehr Todesfälle als im Straßenverkehr. Viele Menschen, die eine Selbsttötung vorhaben, besuchen kurz vorher ihren Hausarzt.

Die Suizidrate ist in den vergangenen Jahren in Deutschland nur geringfügig zurückgegangen.

Suizide seien ein unterschätztes Problem, so die WHO: Eine Million Menschen sterben weltweit jedes Jahr durch Suizid. Zwar ist die Suizidrate in Deutschland seit Ende der 1970er Jahre kontinuierlich gesunken, liegt aber nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den vergangenen zehn Jahren unverändert zwischen 10 000 und 12 000 Suiziden pro Jahr.

Suizidversuche sind zehn- bis zwanzigmal häufiger. Unvollendete Suizide seien hauptsächlich bei jungen Menschen zu verzeichnen, vor allem bei Frauen, sagte Privatdozentin Dr. Barbara Schneider von der Universitätsklinik Frankfurt am Main. Vollendete Suizide dagegen vorwiegend bei alten Menschen, besonders Männern. "In Deutschland nimmt dieses Problem besonders ab dem 70. Lebensjahr stark zu", so Schneider zur "Ärzte Zeitung".

Abgesehen vom Alter empfiehlt die Psychotherapeutin, auf bestimmte Risikofaktoren zu achten. 90 Prozent aller Suizidopfer waren psychisch krank. An erster Stelle stehen dabei Depressionen, Alkoholismus und Schizophrenie. "Die WHO geht davon aus, dass die Suizidrate weltweit um 20 Prozent sinken würde, wenn man diese Patienten ausreichend behandeln würde", so Schneider.

Hinzu kommen soziale Faktoren wie Partnerverlust, Arbeitslosigkeit, erheblicher Arbeitsdruck und Mobbing. Letzteres findet sich vor allem in bestimmten Berufsgruppen: Ärzte, Krankenpfleger, Künstler und Bauern gelten als verstärkt suizidgefährdet. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen, die dann zum Suizid führen. Ausschlaggebend sei häufig, dass die Umgebung, etwa die Familie, demjenigen die Unterstützung entziehe, so Schneider.

"Viele Menschen gehen in der Woche vor ihrem Suizid zum Hausarzt", sagt Schneider, und ruft ihre Kollegen auf, Menschen in schwierigen Lebenssituationen auf das Thema anzusprechen. Die Betroffenen sehen für ihr Problem oft nur Schwarzweiß-Lösungen, eine davon ist der Tod. Es gelte, mit professioneller Hilfe die Menschen in die Lage zu versetzen, mehrere Problemlösungen zu entwickeln.

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