Ärzte Zeitung, 26.01.2009

"Medikamente ohne begleitende Psychotherapie sind obsolet"

Erst wenn eine Psychotherapie nicht wirkt, sollten depressive Kinder auch SSRI bekommen, rät Professor Beate Herpertz-Dahlmann.

Bei Kindern bilden sich Depressionen meist auch ohne Arzneien zurück" Professor Beate Herpertz-Dahlmann Universitätsklinikum Aachen

Ärzte Zeitung: Wann sollten Ärzte depressiven Kindern Arzneien gegeben?

Professor Beate Herpertz-Dahlmann: Bei Kindern bilden sich 50 bis 60 Prozent aller Depressionen während eines stationären Aufenthalts ohne spezifische medikamentöse Therapie zurück. Es ist also gerechtfertigt, drei bis vier Wochen im stationären Setting abzuwarten. Wenn bei schweren Symptomen nach fünf bis sechs psychotherapeutischen Sitzungen keine Besserung erfolgt, geben wir häufig ein Medikament, meistens einen SSRI.

Ärzte Zeitung: Wie gehen Sie bei Jugendlichen vor?

Herpertz-Dahlmann: Jugendliche sprechen generell besser auf SSRI an als Kinder, der Effekt ist ähnlich wie bei Erwachsenen. Bei schwerer Symptomatik mit Vitalitäts- und Schlafstörungen, Appetitstörungen oder Suizidideen würden wir hier von Beginn an medikamentös therapieren, allerdings immer in Kombination mit einer Psychotherapie. Die medikamentöse Therapie ohne begleitende Psychotherapie ist bei Kindern wie Jugendlichen obsolet.

Ärzte Zeitung: Welche Substanzen eignen sich zur Therapie bei Kindern und Jugendlichen ?

Herpertz-Dahlmann: Fluoxetin ist der einzige SSRI, der für Kinder und Jugendliche zugelassen ist. Es ist auch die einzige Substanz, für die bei Kindern eine Überlegenheit gegenüber Placebo nachgewiesen wurde. Das kann allerdings auch daran liegen, dass es für diese Substanz die meisten Studien gab.

Andere SSRI wie Citalopram oder Sertralin können auch wirksam sein. Klar ist: Wer SSRI bei Kindern und Jugendlichen off label einsetzt, muss das genau dokumentieren und gut begründen. (gvg)

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