Ärzte Zeitung, 26.01.2009

SSRI plus Psychotherapie - das lindert schwere Depressionen auch bei jungen Patienten

Die Diskussion um eine Verstärkung von Suizidgedanken unter SSRI-Therapie bei Kindern und Jugendlichen hat viele Ärzte verunsichert. Bei schweren Depressionen, Zwangs- und Angststörungen haben sich die Substanzen in Studien aber gut bewährt.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Auch bei depressiven Jugendlichen ist gelegentlich eine Therapie mit Arzneien nötig.

Foto: nysphotography©www.fotolia.de

Seit einigen Jahren wird in der Psychiatrie über die Sicherheit von modernen Antidepressiva wie selektiven Serotonin- oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI und SNRI) debattiert. Mehrere Untersuchungen deuten darauf hin, dass diese Substanzen das Risiko von suizidalen Gedanken und Handlungen bei Kindern und Jugendlichen erhöhen können.

So kam die US-Zulassungsbehörde FDA in einer Meta- Analyse von 24 Placebo-kontrollierten Studien zu dem Ergebnis, dass das Risiko von suizidalen Gedanken und Handlungen bei Therapie mit SSRI und SNRI etwa doppelt so hoch ist wie bei Placebotherapie. Allerdings: In keiner dieser Studien wurde ein vollendeter Suizid berichtet.

In einem aktuellen Übersichtsbeitrag machen Experten jetzt darauf aufmerksam, dass SSRI zur Therapie im Kindes- und Jugendalter nicht pauschal verdammt werden sollten (Der Nervenarzt 79, 2008, 1237).

Für SNRI gibt es noch wenige Studiendaten

"SNRI würden wir wegen der aktuellen Studienlage bei diesen Patienten im Moment nicht einsetzen, aber SSRI behalten durchaus ihren Stellenwert", sagte eine der Autorinnen, Professor Beate Herpertz-Dahlmann von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Aachen zur "Ärzte Zeitung".

Die Expertin betont, dass SSRI bei Kindern und Jugendlichen mit Depression einen statistisch signifikanten therapeutischen Effekt besäßen, der zwar kleiner als bei Erwachsenen, aber dennoch vorhanden sei. Eine Therapie mit SSRI sollte bei jungen Patienten deswegen immer dann erwogen werden, wenn eine mehrwöchige stationäre Psychotherapie nicht anschlägt.

Bislang kein Suizid unter SSRI-Therapie registriert

Wichtig dabei ist, die mögliche Verstärkung der Suizidgedanken von vornherein anzusprechen. Denn die anfängliche Aktivitätssteigerung unter SSRI-Therapie ist bei Jugendlichen viel ausgeprägter als bei Erwachsenen. "Wir sprechen dieses Thema grundsätzlich von uns aus an, wenn wir eine SSRI-Therapie für geboten halten. Wir weisen dann aber auch darauf hin, dass bisher kein einziger vollendeter Suizid unter SSRI-Therapie bei Kindern und Jugendlichen dokumentiert wurde", so Herpertz-Dahlmann.

Wichtig sei, die Kinder (und ihre Eltern) zum Durchhalten zu bewegen, wenn die medikamentöse Therapie begonnen wurde. Denn oft falle in den ersten Therapiewochen zunächst die Aktivitätssteigerung als unerwünschte Wirkung auf, während die depressiven Symptome erst etwas später zurückgehen.

SSRI bei Zwangsstörungen sind weniger problematisch

Herpertz-Dahlmann weist auch darauf hin, dass die SSRI-Therapie bei Kindern und Jugendlichen mit Zwangsstörungen oder Angststörungen grundsätzlich anders zu bewerten sei als bei depressiven Kindern. "Kinder und Jugendliche mit Zwängen und Ängsten sprechen generell besser auf SSRI an als Kinder mit Depression. Und es gibt hier keine Verstärkung der Suizidimpulse."

Konkret zeigt eine Analyse von sechs SSRI-Studien bei Kindern mit Zwangsstörungen eine Wirksamkeit der Behandlung bei 52 Prozent der Patienten, gegenüber 32 Prozent in den Placebogruppen. Zum Vergleich: Bei depressiven Kindern und Jugendlichen war der Unterschied zwischen Verum und Placebo bei SSRI-Behandlung in einer auf 13 Studien basierenden Auswertung mit Ansprechraten von 61 Prozent (SSRI) gegen- über 50 Prozent (Placebo) zwar auch signifikant, aber deutlich geringer.

Das hat Konsequenzen für das therapeutische Vorgehen: "Bei Kindern mit schweren Zwangssymptomen würde ich die Symptomatik einige Tage beurteilen und dann medikamentös behandeln, nicht Wochen lang warten", so Herpertz-Dahlmann. Zugelassen in Deutschland ist in dieser Indikation Fluvoxamin ab dem achten Lebensjahr.

Lesen Sie dazu auch:
"Medikamente ohne begleitende Psychotherapie sind obsolet"

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