Ärzte Zeitung online, 06.10.2009

Psychisch kranke Eltern: Wenn Kinder allein klar kommen müssen

BERLIN (dpa). Morgens wird Hannah (10) vom eigenen Wecker wachgeklingelt. Sie steht auf, macht Frühstück, weckt den kleinen Bruder. Nach dem Frühstück bringt sie ihn zum Kindergarten und geht selbst in die Schule. Oft, wenn Hannah nachmittags nach Hause kommt, liegt ihre Mutter immer noch im Bett. Seit Wochen ist sie im Tief einer Depression förmlich abgetaucht, kann sich zu nichts aufraffen. Hannah hält derweil die Familie am Laufen.

Nicht nur die Mutter, auch Kinder wie Hannah brauchen besondere Hilfen, damit es im schlimmsten Fall nicht so endet wie jüngst in Berlin, wo eine schwer depressive Frau ihre drei Kinder mit in den Tod nahm.

Die lange unterschätzten Auswirkungen der Volkskrankheit Depression auf ganze Familien rücken nicht nur auf Fachtagungen, sondern nun auch bei der 3. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit (5.-7.10.) mit ihren über 150 Veranstaltungen in den Mittelpunkt. Zurückhaltend geschätzt haben rund 1,6 Millionen Minderjährige in Deutschland mindestens einen Elternteil, der psychisch erkrankt ist.

"Zuerst geht es darum, die Erkrankung der Eltern zu behandeln und frühzeitig einzugreifen", sagt Professor Anette Kersting von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Münster. "Psychisch kranke Eltern sind keine schlechteren Eltern, aber sie benötigen besondere Unterstützung." Beim Hauptstadtsymposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde drehte sich in dieser Woche deshalb alles um Präventionskonzepte, die die gesamte Familie einbinden. "Kinderärzte, Jugendämter, Psychiatrische Kliniken, Hebammen - alle müssen noch besser zusammenarbeiten und auch die Kinder der psychisch Erkrankten im Blick haben", forderte Kersting.

Oft ist es so, dass Kinder sich gar nicht erst trauen, Außenstehende einzubeziehen. "Denn psychische Erkrankungen sind immer noch stigmatisiert", weiß Beate Lisofsky vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker. "Kinder leiden vielfach: Sie übernehmen die Elternrolle. Sie fragen sich 'Bin ich dran schuld, dass Papa traurig ist?‘ Sie trauen sich nicht, Freunde nach Hause einzuladen. Sie haben Sorge, vielleicht selber einmal krank zu werden." Manchmal könne schon eine Haushaltshilfe ein erster entlastender Schritt sein.

"Nicht jedes Kind braucht eine psychiatrische Betreuung, aber wir wissen mittlerweile: Jedes Kind braucht mindestens eine verlässliche, gesunde Bezugsperson", sagt Lisofsky. Das können Verwandte, erwachsene Freunde, Nachbarn sein. Eine große Kampagne, vom Verband gemeinsam mit der BKK initiiert, soll hier Aufklärungsarbeit leisten (www.kipsy.net), sodass das Umfeld betroffener Familien - Freunde, Kindergärten, Schulen - nicht aus Hilflosigkeit wegschaut. Aber auch der Austausch mit anderen betroffenen Kindern in Gesprächsgruppen, wie es sie in einigen Regionen Deutschlands gibt, kann entlasten.

Ein auffangender Rahmen ist auch deshalb wichtig, weil doch immerhin ein Viertel der Kinder eine gewisse genetische Disposition dazu hat, selbst psychische Probleme zu entwickeln. "Hinzu kommt, dass durch die Krankheit oft auch soziale Probleme entstehen. Manchmal gibt es schwierige Erziehungsmuster, die weitergegeben werden", sagt Kersting. Jüngere Kinder sind zudem darauf angewiesen, dass ihnen die Welt von den Großen gezeigt und erklärt wird. "Gerade kleinere Kinder werden aber möglicherweise ins Wahnsystem der Eltern einbezogen", weiß Lisofsky aus ihrer Arbeit.

Schon ganz früh, nämlich gleich nach der Geburt eines Kindes, gerät manche Familie aus dem seelischen Gleichgewicht. "Und auch hier muss immer noch Aufklärungsarbeit darüber geleistet werden, welche Symptome eine Wochenbettdepression haben kann und wie man damit umgeht", sagt Kersting. Das allseits präsente Bild der glücklichen frischgebackenen Mutter mache es vielen Frauen sehr schwer, sich den eigenen, vielleicht davon abweichenden Gefühlen zu stellen und Hilfe zu suchen.

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