Ärzte Zeitung, 12.11.2009

Suizid-Prävention beginnt in der Schule

Nach Freitod Robert Enkes fordert Experte: Entstigmatisierung der Depression, damit sich Betroffene dem Arzt öffnen!

NEU-ISENBURG (ikr). Der Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke erregt bundesweit großes Aufsehen und Mitgefühl. Die Entstigmatisierung der Depression ist der wichtigste Weg, um solche Todesfälle künftig zu vermeiden.

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Fußballfans tragen sich am Mittwoch in ein Kondolenzbuch für den toten Nationaltorwart Robert Enke ein. Enkes Freitod rückt die stigmatisierte Erkrankung Depression in das Licht der Öffentlichkeit.

Foto: dpa – Bildfunk

Suizidale Phantasien sind bei depressiven Menschen keine Rarität. "Etwa 90 Prozent der Patienten, die wegen einer Depression behandelt werden, haben irgendwann in ihrem Leben zumindest einmal flüchtig über Selbstmord nachgedacht", sagte Dr. Frank Bergmann, 1.  Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte, zur "Ärzte Zeitung". Die meisten verwerfen den Gedanken wieder. Es sei ein sehr langer Prozess von der ersten flüchtigen Idee bis zu einem konkreten Handlungsvorhaben. "Es ist daher ganz wichtig, die Patienten proaktiv immer wieder nach suizidalen Gedanken zu fragen, da viele Patienten sich scheuen, von sich aus darüber zu sprechen", so Bergmann.

Besonders schwierig ist es nach Angaben des Psychiaters allerdings, wenn Patienten wie Enke nach außen hin eine für sie intaktere Fassade präsentieren wollen. Dann sei es selbst für Fachärzte schwer, zu erahnen, wie es wirklich um den betreffenden Patienten bestellt ist. Enke habe im Gegensatz zu Sebastian Deisler, der mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit gegangen war, versucht, seine Krankheit nicht nach außen dringen zu lassen. Er hatte große Angst davor, dass man ihm seine Depression als eine Art Schwäche auslegen und seine Eignung als Torwart der Nationalmannschaft in Frage stellen könnte oder ihm gar das adoptierte Kind weggenommen werden könnte. Dadurch entstand für Enke ein zusätzlicher Druck.

"Der Fall Enke sollte uns ermuntern, künftig alles zu tun, damit psychische Erkrankungen wie Depressionen entstigmatisiert werden und als Erkrankungen anerkannt werden, die zum Leben gehören und nichts mit persönlicher Schwäche zu tun haben", sagte Bergmann. Dazu gehört für den Psychiater, dass die Öffentlichkeit, etwa wie bei den "Bündnissen gegen Depressionen" in den Kommunen, noch stärker über die Krankheit aufgeklärt wird. Und das fängt für Bergmann bereits in den Schulen an. Hier würden bereits die Grundlagen dafür gelegt, über was wie gesprochen wird und wann jemand zum Beispiel als "Weichei" gilt.

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