Ärzte Zeitung online, 08.01.2010

Hirnstimulation der Habenula gegen Depression: Erfolg hält schon lange an

HEIDELBERG (eb). Neurochirurgen des Universitätsklinikums Heidelberg haben weltweit erstmals eine Patientin, die an einer schweren Depression litt, erfolgreich durch die Stimulation der Habenula, einer winzigen Nervenstruktur im Gehirn, behandelt. Der Erfolg hält seit über 18 Monaten an.

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Zur Stimulation der beiden Habenulae werden zwei Elektroden in das Gehirn eingesetzt. Im Bild: zusehen Weg einer Elektrode zu einer der beiden Habenulae.

Foto: © Universitätsklinikum Heidelberg.

Der 64 Jahre alten Frau, die seit ihrem 18. Lebensjahr erkrankt ist, konnte zuvor weder durch Medikamente noch durch Elektrokrampftherapie geholfen werden. Seit dem Eingriff am 3. Juni 2008 ist sie ohne zusätzliche Elektrokrampftherapie beschwerdefrei (Biol Psychiatry 67(2), 2010 e9; es gibt keinen Abstract).

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Habenula bei einer Depression hyperaktiv ist und dadurch die Balance der Nervenübertragungsstoffe im Hirnstamm gestört wird. Der operative Eingriff basiert auf experimentellen Ergebnissen von Privatdozent Alexander Sartorius, Psychiater am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und Professor Fritz Henn, Brookhaven National Laboratory, New York. Den stereotaktischen Eingriff in der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg nahm Privatdozent Karl Kiening, Sektionsleiter für Stereotaktische Neurochirurgie, vor.

Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden in das Gehirn eingesetzt, die über Kabel unter der Haut mit einem elektronischen Impulsgeber verbunden sind, der im Brustbereich implantiert ist. Die Elektroden setzen Strom frei, der kontinuierlich spezifische Hirnareale stimuliert. Diese auch als "Hirnschrittmacher" bezeichnete Therapie wird bereits erfolgreich bei Patienten eingesetzt, die an der Parkinson-Krankheit oder anderen Bewegungsstörungen leiden.

Auch depressive Patienten konnten bereits mithilfe der Elektrostimulation mit einigem Erfolg behandelt werden. Allerdings wurden hier zwei andere Hirnregionen stimuliert, die im Bereich des Großhirns lokalisiert sind. Die Habenula (lateinisch: Zügelchen) hingegen liegt weiter unten in Richtung Hirnstamm. "Wir haben uns für die Habenula entschieden, weil dort die zentrale Steuerung von wichtigen Nervenübertragungsstoffen erfolgt, die bei Depression gestört ist",so der Mannheimer Psychiater Sartorius in einer Mitteilung der Uni.

Neurochirurgisch erfordert die Implantation von zwei Elektroden höchste Präzision bei der Planung und Durchführung. Das Zielgebiet ist im Vergleich zu den anderen Hirnregionen, die typischerweise bei Bewegungsstörungen ins Visier genommen werden, um etwa die Hälfte kleiner und liegt zudem in der Hirnmitte, also in der Wand der dritten Hirnkammer (Ventrikel), so Kiening. Die Elektrodenimplantation wird mit stereotaktischen Instrumenten vorgenommen.

Multizentrische Studie zur Habenula-Stimulation in Vorbereitung

Der Erfolg des Eingriffs wurde durch vorübergehendes unfreiwilliges Abschalten der Elektrode bestätigt: Ein Fahrradunfall der Patientin erforderte eine Operation, zu deren Vorbereitung ein EKG angefertigt werden musste. Dazu musste der Hirnschrittmacher abgeschaltet werden. Nachdem er versehentlich für einige Tage nicht wieder aktiviert worden war, kehrte die Depression prompt zurück. Einige Wochen nach erneuter Aktivierung hat sich der Zustand der Patientin wieder verbessert.

Die Heidelberger Neurochirurgen und Mannheimer Psychiater wollen nun auf dieser positiven Erfahrung aufbauen und planen eine klinische Studie, bei der die Habenula-Stimulation an fünf psychiatrisch-neurochirurgischen Zentren in Deutschland bei schwer depressiven Patienten zum Einsatz kommt. "Es gilt zu zeigen, dass die Habenula-Stimulation eine bessere Erfolgsrate hat, als die Stimulation der bislang stimulierten Zielgebiete bei Depression und zudem auch in der Anwendung sicher ist", so Kiening.

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