Ärzte Zeitung online, 01.02.2011

Stimulation des Lustzentrums lindert schwere Depressionen

BONN (eb). Fast zehn Prozent aller Patienten mit schweren Depressionen sprechen auf gängige Behandlungsmethoden nicht an. Hoffnung macht in jüngster Zeit eine gezielte tiefe Hirnstimulation. Eine neue Zielstruktur dafür haben jetzt Mediziner der Universität Bonn zusammen mit US-Kollegen vorgestellt.

Elektrostimulation des Lustzentrums im Hirn lindert schwere Depressionen

Elektrischer Hirnschrittmacher: Offenbar kann er auch bei schweren Depressionen helfen - wenn er das Lustzentrum stimuliert.

© Medtronic

Die tiefe Hirnstimulation hat sich zum Beispiel bei der Therapie von Parkinsonkranken etabliert. Ein elektrischer Schrittmacher stimuliert dabei über implantierte Elektroden dauerhaft die Funktion bestimmter Hirnareale. Der Schrittmacher wird Betroffenen unter das Schlüsselbein eingesetzt.

Seit einigen Jahren wird die Methode bei der Behandlung von Patienten mit schwersten Depressionen erforscht. Trotz jahrelanger erfolgloser Therapie mit anderen Methoden bildeten sich damit die Symptome mitunter deutlich zurück.

Das erstaunliche dabei: "Die Depression kommt bei den Patienten, die auf die Stimulation angesprochen haben, nicht wieder", betont Professor Thomas Schläpfer von der Bonner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie laut einer Pressemitteilung der Universität. "Die Methode scheint dauerhaft zu wirken - und das bei der therapieresistentesten Patientengruppe, die in der Literatur beschrieben wurde."

Die tiefe Hirnstimulation wurde bislang bei drei verschiedenen Hirnregionen erprobt: dem Nucleus accumbens, der Capsula interna und einer Struktur namens cg25. Erstaunlicherweise sind die Effekte nahezu identisch - unabhängig davon, welches dieser Zentren die Ärzte reizen.

Die Bonner Forscher konnten inzwischen zusammen mit Kollegen aus Baltimore und Washington aufklären, warum das so ist: Mit einer neuartigen Tomografie-Methode konnten sie die "Verkabelung" der drei Hirnzentren sichtbar machen (Neuroscience and Biobehavioral Reviews online).

"Dabei haben wir festgestellt, dass zumindest zwei dieser drei Gebiete -wahrscheinlich sogar alle drei - an ein und demselben Kabelstrang hängen", erklärt der Bonner Hirnschirurg Professor Dr. Volker Coenen.

Die Rede ist vom so genannten Medialen Vorderhirnbündel, einer Struktur, die bei Tieren schon lange bekannt ist. Das Vorderhirnbündel bildet eine Art Rückkopplungsschleife, die uns positive Erfahrungen antizipieren lässt. "Dieser Schaltkreis motiviert uns dazu, in Aktion zu treten", sagt Coenen. "Bei Depressiven ist er augenscheinlich gestört. Die Folge ist unter anderem eine extreme Antriebsarmut."

Nucleus accumbens, Capsula interna und cg25 scheinen alle mit dem medialen Vorderhirnbündel verbunden zu sein - etwa so wie Blätter mit dem Ast, dem sie entspringen. Wer eine dieser Hirnregionen reizt, beeinflusst gleichzeitig in einem gewissen Maß auch die anderen Komponenten des Motivations-Schaltkreises.

Coenen, der das Vorderhirnbündel als erster beim Menschen anatomisch beschrieben hat, schlägt nun vor, die Elektrode für die tiefe Hirnstimulation direkt in diese Struktur zu implantieren. "Wir würden damit die Strompulse an die Basis des Netzwerkes senden und nicht wie bisher an die Peripherie", erläutert Schläpfer. "So könnten wir möglicherweise mit geringeren Stromstärken arbeiten und dennoch größere Erfolge erzielen."

Beobachtungen an Parkinson-Kranken scheinen diese Idee zu stützen: Dort reizt man ein Netzwerk von Hirnstrukturen, die für Bewegungen zuständig sind. Je grundständiger (bildlich gesprochen: je näher am Ast) die elektrischen Reize gesetzt werden, desto größer ist ihr Effekt. Gleichzeitig verringert sich die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen.

Weltweit haben inzwischen über 80.000 Parkinson-Patienten einen Hirnschrittmacher. "Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass der dazu erforderliche Eingriff am Gehirn relativ risikoarm ist", betont Professor Coenen. "Es spricht also aus ärztlicher Sicht nichts dagegen, mit dieser Methode auch Menschen mit schwersten Depressionen zu helfen."

[01.02.2011, 12:42:28]
Dr. Mustafa Ayhan 
Suchtkrankheiten und Stimulation des Nucleus accumbens
Nach meinen jahrelangen bescheidenen Forschungen, ist das Zentrum des Belohnungssystems (Nucleus accumbens) auch für das Suchtverhalten bei Betaeubungsmittel Abhaengigen ausschlaggebend. Dabei spielt das Dopamin die Hauptrolle, bloss kann ich nicht definieren ob es an einer Abnahme der Dopaminkonzentration, oder der Abnahme der Dopaminrezeptoren in diesem Hirnaereal liegt.
Auf alle Faelle waere es sehr empfehlenswert diese Art von Stimulation auch bei Betaeubungsmittelabhaengigen zu testen. Meiner Meinung nach könnte so das Craving vielleicht völlig unterdrückt und auf einen, wie heutzutage üblichen Ersatzstoff verzichtet werden. Auch könnten Polytoxikomanische Faelle (die den Grossteil der Abhaengigen ausmacht) behandelt werden, welche mit einer Substitution nur auf die Opiatabhaengigkeit therapiert werden.

mfG,
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