Ärzte Zeitung, 07.04.2011

Aggressive Männer sind nicht selten depressiv

Männer gehen wegen Depressionen nur selten zum Arzt - eher flüchten sie in Alkohol oder töten sich selbst. Auch zeigen sie oft andere Symptome als Frauen, etwa Gereiztheit und Aggression. Dies wird bei der Diagnose bislang wenig berücksichtigt.

Von Thomas Müller

Aggressive Männer sind nicht selten depressiv

Depressive Männer sind oft gereizt und aggressiv, Frauen machen sich eher selbst Vorwürfe.

© Thomas Perkins / fotolia.com

MÜNCHEN. Werden Männer seltener depressiv als Frauen, oder merkt man es ihnen nur nicht an? Glaubt man Daten epidemiologischer Studien, so treten Depressionen bei Frauen zwei- bis dreimal häufiger auf als bei Männern.

Die Suizidrate spricht jedoch eine andere Sprache: Sie ist bei Männern dreimal höher als bei Frauen, und wer Suizid begeht, ist in der Regel depressiv. Erklären lässt sich das Paradox fast nur durch eine hohe Dunkelziffer von Depressionen bei Männern.

Und diese Dunkelziffer beruht offenbar zu einem großen Teil darauf, dass depressive Männer ihre Krankheit geschickt verbergen, vermutet Privatdozentin Anne Maria Möller-Leimkühler von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Sozialer Status in Gefahr? Das gibt jede Menge Stress

Männer, so Möller-Leimkühler in der Zeitschrift Uro-News (2010; 10: 36), reagieren nämlich auf Stresssituationen nicht nur anders als Frauen, es liegen bei ihnen oft auch andere Auslöser für Stress und Depressionen vor.

So seien Frauen etwa anfälliger für Beziehungsstress und verwenden eher internalisierende Bewältigungsstrategien wie Grübeln, Selbstbeschuldigung oder Angst. Männer geraten jedoch vor allem dann in Stress, wenn sie ihren sozialen Status bedroht sehen, wenn typisch maskuline Wertvorstellungen wie Macht, Dominanz, Kontrolle, Unverletzlichkeit oder Autonomie infrage gestellt werden.

Dies ist etwa bei beruflichen Problemen, bei schweren oder chronischen Krankheiten sowie Trennungen vom Partner der Fall. Männer reagieren dann in solchen Situationen häufig mit externalisierenden Strategien: Aggressionen, Ärger, Wut, Alkoholmissbrauch. Dieses Verhalten führt nicht selten dazu, dass sie sich und andere schädigen.

Das männliche Selbstbild, so Möller-Leimkühler, duldet auch keine Angst, Unsicherheit und Schwäche. "Hilfe zu holen ist im Männlichkeitsstereotyp nicht vorgesehen, da das Eingeständnis von Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit einem Status- und Identitätsverlust gleichkäme", so die Psychiaterin. "Nach dem Prinzip ,Frauen suchen Hilfe, Männer sterben‘ erscheint der Suizid als letztes Mittel, den männlichen Selbstwert zu retten und die Illusion von Selbstbestimmung und Handlungsautonomie aufrecht zu erhalten."

Besonders viel Gefahr für das männliche Selbstwertgefühl lauert offenbar im Berufsleben. Männer sind nach Untersuchungen nicht nur stärker als Frauen von Arbeitsplatzunsicherheit betroffen, sie leiden auch intensiver unter Arbeitslosigkeit und werden bei ungünstigen psychosozialen Arbeitsbedingungen häufiger psychisch krank.

Zu solchen ungünstigen Arbeitsbedingungen zählen auch sogenannte Gratifikationskrisen: Dabei sind die Anforderungen an die Beteiligten zwar sehr hoch, gleichzeitig sind Autonomie, Kontrollmöglichkeit und Belohnung aber gering.

Die Trennung vom Partner bekommt Männern schlecht

Doch nicht nur das moderne Berufsleben setzt den Männern zu, auch die Emanzipation der Frauen wirkt sich mitunter ungünstig aus. So haben Männer längst nicht mehr die Rolle als Familien-Ernährer abonniert, was ebenfalls am Selbstwertgefühl kratzen kann.

Zudem trennen sich Frauen heutzutage leichter als früher und kommen damit besser klar als Männer: Bei Männern ist das Depressions- und Suizidrisiko nach einer Trennung um ein Vielfaches höher als bei Frauen, was wiederum bestätigt, dass die Ehe für Männer deutlich gesünder ist als für Frauen, so Möller-Leimkühler.

Die typische Abwehrstrategien, mit denen Männer versuchen, ihre starke Fassade bei solchen Stressoren aufrecht zu erhalten, wie etwa Ärgerattacken, Feindseligkeit, Aktivismus oder exzessiver Alkoholkonsum, werden bisher aber kaum in den gängigen Depressionsinventarien aufgeführt.

 Diese enthalten eher Symptome und Strategien wie Antriebslosigkeit, Verstimmung oder Selbstvorwürfe, die überwiegend von Frauen berichtet werden, bemängelt die Psychiaterin. Und das führe nicht nur dazu, dass Depressionen bei Männern nicht erkannt werden, sondern auch dazu, dass häufig Fehldiagnosen wie Alkoholabhängigkeit oder antisoziale Persönlichkeitsstörungen gestellt werden.

Möller-Leimkühler rät Ärzten daher, bei Männern stärker auf Stresssymptome als Zeichen einer Depression zu achten. Dies könne auch ein Weg zu einer besseren Suizidprävention sein. Gleichzeitig eigne sich die Fokussierung auf Stress dazu, Männern die Diagnose Depression nahe zu bringen.

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