Ärzte Zeitung online, 05.05.2011

Häufiger Depressionen bei Computer spielenden Nachteulen

BASEL (eb). Wer häufig nachts Online-Computerspiele spielt, hat offenbar ein erhöhtes Risiko für Depressionen. Das haben Schweizer Wissenschaftler nach eigenen Angaben jetzt herausgefunden. Sie betonen, dass der Zeitpunkt, wann gespielt wird, viel wichtiger für die psychische Gesundheit sei als die Spieldauer.

Häufiger Depressionen bei Computer spielenden Nachteulen

Nachts am PC: Wer zu später Stunde spielt, gefährdet offenbar seine psychische Gesundheit.

© Epibrate Images / fotolia.com

Das Team um Dr. Sakari Lemola von der Universität Basel hat nach eigener Aussage über 600 Spieler des Online-Rollenspiels "World of Warcraft" befragt, das weltweit von mehreren Millionen Menschen gespielt wird. Die Probanden waren zwischen 13 und 30 Jahre alt und spielten durchschnittlich 22 Stunden pro Woche am Computer.

Das Ergebnis der Forscher: Spieler, die an fünf bis sieben Tagen pro Woche zwischen 22 Uhr und 6 Uhr am PC saßen, wiesen ein deutlich höheres Risiko für depressive Symptome auf als diejenigen, die selten in der Nacht spielten.

Anzahl der gespielten Stunden nicht relevant

Unabhängig davon, wie viele Stunden insgesamt pro Woche gespielt worden seien, betonen die Wissenschaftler (Personality and Individual Differences 2011, online).

Von den Befragten, die am Tag ihre Zeit mit Online-Computerspielen vertreiben, hätte vergleichsweise kaum jemand depressive Symptome gezeigt, so die Wissenschaftler.

Insgesamt seien depressive Symptome bei der Stichprobe von Online-Computerspielern im Durchschnitt nicht häufiger gewesen als bei Vergleichsstichproben aus anderen Studien.

Dennoch sind die Schweizer Forscher nach eigener Aussage davon überzeugt, dass ein Zusammenhang zwischen Online-Computerspielen in der Nacht und depressiven Symptomen besteht. Über die Gründe können sie nur spekulieren.

Veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus die Ursache?

Die Wissenschaftler glauben, dass es damit zutun hat, dass sich bei nächtlichen Spielern der Schlaf-Wach-Rhythmus verschiebt und sie dadurch am Tag müde sind.

Möglich sei aber auch, dass Computer-Spieler, die unter depressiven Symptomen leiden, aufgrund ihrer Probleme erst spätabends oder in der Nacht aktiv werden und sich vor den Computer sitzen.

Lesen Sie dazu auch:
Wenn der Computer zur Sucht wird
Spezieller Fragebogen erleichtert Diagnose von Online-Spielsucht

[05.05.2011, 18:02:49]
Dr. Dorothea Böhm 
Korrelation, nicht Kausalität
Nächtliche PC-Spiele machen nicht depressiv, sondern Menschen mit Selbstregulationsdefiziten haben bestimmte Neigungen: einen Hang zu PC-Spielen ("thrill-seeking"), die Tendenz zu Schlaf-Wach-Rhythmus-Irregularitäten, und eine erhöhte seelische Vulnerabilität, die zur Entwicklung einer Depression (auch unter normalen Alltagsbedingungen) Anlass geben kann.

Nebenbei bemerkt: Selbstregulationsdefizite geben nicht selten Anlass zu (kostenintensiven) Folgen und Behandlungen, das ist gesellschaftlich brisant, denn Selbstregulationsdefizite werden durch Kleinkindergruppentagesbetreuung unbeabsichtigt aber systematisch befördert oder gar erzeugt, wie in der jüngsten Veröffentlichung der sog. NICHD-Studie, der größten und längstfristigen Krippenstudie der Welt, zu lesen war. Selbst die inzwischen 15-Jährigen Ex-Krippen-Betreuten sind aggressiver und impulsiver als die Vergleichsgruppe der Ex-Familien-Erzogenen, beides Merkmale von Selbstregulationsstörungen.

Man kann daher also vermuten, dass es sich um lebenslang wirksame Veränderungen der Persönlichkeit im Sinne einer Destabilisierung handelt, was ein dubioses Licht auf unsere zukünftige Statistiken der Depressionen, Essstörungen und Suchterkrankungen wirft. zum Beitrag »

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