Ärzte Zeitung online, 09.09.2011

Ärzte verkennen oft Warnsignale für Suizid

In Deutschland geht die Zahl der Suizide zurück. Aber: Noch immer versucht alle vier Minuten ein Mensch, sich das Leben zu nehmen. Zum Welt-Suizid-Präventionstag am Samstag setzen sich Experten für mehr Sensibilität der Ärzte und frühzeitige Therapien ein.

Ärzte verkennen oft Warnsignale für Suizid

Mehr als 9600 Menschen haben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2009 das Leben genommen.

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HAMBURG (dpa). In Deutschland sterben jährlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle. Darauf haben Experten zum Internationalen Welt-Suizid-Präventionstag am Samstag aufmerksam gemacht.

Allein 2009 nahmen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr als 9600 Menschen das Leben.

80 Organisationen beteiligen sich am Nationalane Suizidpräventionsprogramm

Zu den Risikogruppen zählen unter anderem Kranke, Alte, Drogen- und Alkoholabhängige, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund. Am Nationalen Suizidpräventionsprogramm beteiligen sich mehr als 80 Organisationen.

"Suizid ist kein Tabuthema mehr, doch es fehlt an konkreten Maßnahmen und sensiblen Ärzten", sagte Georg Fiedler vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm in Hamburg. Lange Wartezeiten bei Ärzten und Therapeuten erschwerten die Situation.

Angehörige und Freunde sollten zu einer Beratungsstelle gehen

"Viele Menschen sind sehr unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn jemand über Suizid nachdenkt oder sich verdächtig äußert", sagte Fiedler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Psychologe empfiehlt daher auch Angehörigen oder Freunden den Besuch einer Beratungsstelle, etwa eines sozialpsychiatrischen Dienstes.

"Rund um die Uhr ist außerdem die Telefonseelsorge erreichbar." Bei konkreten Suizidplänen könnte zum Beispiel in einem Krankenhaus mit psychiatrischer Abteilung Hilfe gesucht werden.

Häufig leiden die Gefährdeten unter einer psychischen Krankheit. "Das allein ist jedoch nicht der Grund", so Fiedler.

Viele unterschiedliche Faktoren

Es kämen viele Faktoren zusammen: Erinnerungen an früh erlebte Ablehnung oder Trennungen könnten im späteren Leben wieder aufkommen und ein Auslöser sein, dem Leben selbst ein Ende zu setzen. "Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Was für den einen eine Lappalie, ist für den anderen eine dauerhaft schmerzliche Erinnerung."

Auch Arbeitslosigkeit oder große Umbrüche - etwa der Niedergang der DDR - können bei seelisch Angeschlagenen Suizidgedanken fördern.

Über psychische Krankheit wird nicht gesprochen

Viele Menschen gestehen sich ihre psychische Krankheit nicht ein oder sprechen nicht darüber, sagte Fiedler. Die Haltung "Ich bin doch nicht verrückt" ist noch immer weit verbreitet.

Dennoch scheinen Gefährdete instinktiv nach Hilfe zu suchen. "Dreiviertel aller, die einen Suizidversuch unternommen haben, haben in den vier Wochen zuvor einen Arzt aufgesucht."

Viele Ärzte erkennen Gefahr nicht

Viele Ärzte würden die Patienten aber falsch einschätzen und die Gefahr nicht rechtzeitig erkennen. "Die Ärzte müssen eine viel höhere Sensibilität entwickeln."

Trotz allem gibt es dem Psychologen zufolge Hinweise auf eine schrittweise Besserung. Langfristig gehen Suizide zurück, wie die Statistiken zeigen. So nahmen sich 1998 noch mehr als 11 600 Menschen das Leben.

Verantwortlich für den Rückgang sind laut Fiedler vor allem Fortschritte in der Medizin: "Es gibt immer bessere Medikamente und der Ruf der Kliniken als "Irrenanstalten" geht zurück. Die psychiatrische Versorgung rückt so näher an die Menschen heran."

www.suizidpraevention-deutschland.de

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