Ärzte Zeitung online, 02.10.2011

Experte: "Leistungsdruck meist keine Ursache von Depressionen"

Gut jeder zehnte Bundesbürger erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Dass das Leiden inzwischen ernst genommen wird, ist Aufklärung und genaueren Diagnosen zu verdanken. Mit Leistungsdruck, sagt ein Experte, hat Depression nicht zwangsläufig zu tun.

Von Michael Bertram

Experte: "Leistungsdruck meist keine Ursache von Depressionen"

Professor Ulrich Hegerl

© dpa

LEIPZIG. Auf dem Weg zum nächsten Termin klingelt schon wieder das Handy, dabei wollte man schnell einen Happen essen. Wer beruflich eingespannt ist, leidet an Stress und neigt im Volksglauben dazu, in eine Depression zu verfallen.

"Aber Depressionen haben meist nichts mit Leistungsdruck zu tun, denn die Krankheit kann jeden von uns treffen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Professor Ulrich Hegerl, vor dem 1. Patientenkongress Depression am 2. Oktober in Leipzig der Nachrichtenagentur dpa.

Dass Depressionen nur Gestresste betreffen, ist ein Trugschluss

"Das Gefühl des Überfordertseins und der Überlastung begleitet jede Depression", sagte Hegerl. Dass es nur die trifft, die täglichen Stress erleben, sei ein Trugschluss. Einer sich anbahnenden Depression mit einer Auszeit wie einem längeren Urlaub vorzubeugen, sei zwecklos. "Denn die Depression reist mit", erklärte der Experte.

Etwa fünf Prozent aller Deutschen plagen nach seinen Worten typische Symptome wie gedrückte Stimmung, fehlender Antrieb, Schlafstörungen und Schuldgefühle.

"Die klassische Depression verläuft in Phasen, sie schleicht sich ein und klingt oft erst nach mehreren Monaten wieder ab", erklärte Hegerl. "Wenn mehrere dieser Krankheitszeichen aber 14 Tage anhalten, spricht man von einer behandlungsbedürftigen Depression."

Wichtiger Bestandteil einer Therapie ist die Überprüfung alltäglicher Verhaltensroutinen

Die Behandlung erfolge mit Antidepressiva und Psychotherapie, wobei vor allem die täglichen Verhaltensroutinen im Mittelpunkt stünden.

"In einer kognitiven Verhaltenstherapie wird mit den Betroffenen besprochen, wie ein ausgeglichener Tagesablauf aussieht und wie man auch mal Nein sagen kann", sagte Hegerl, der die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Leipzig leitet. "Viele Betroffene opfern sich auf und sind immer nur für andere da."

"Es gibt nicht mehr Depressive als früher"

Es gebe aber nicht mehr depressiv Erkrankte als früher, sagte Hegerl und widersprach damit Warnungen der Kassen, wonach die Fallzahlen nach oben schnellten. "Es suchen mehr professionelle Hilfe und die Erkrankung wird häufiger erkannt."

Früher seien Depressionen hinter Ausweichdiagnosen versteckt worden. "Da hatte jemand einfach nur Rückenschmerzen, heute ist es das Burnout-Syndrom", erklärte er.

Für die umfangreichere Hilfe im Gegensatz zu früher spreche auch die Selbstmordstatistik. Nahmen sich vor rund 30 Jahren noch 18.000 Menschen wegen ihres Leidensdrucks jährlich das Leben, seien es heute 9600. "Das sind immer noch rund 30 Menschen pro Tag - aber es ist eine sensationelle Verbesserung." (dpa)

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