Ärzte Zeitung online, 03.10.2011

Stiftung: Monatelange Wartezeit für Therapietermin nicht tolerabel

LEIPZIG (dpa). Depressive warten nach Auffassung ihrer Interessensvertretung oft viel zu lange auf einen Arzttermin. "Es ist intolerabel, dass Betroffene monatelang auf einen Termin beim Facharzt oder Psychologen warten müssen", sagte der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Professor Ulrich Hegerl, am Sonntag in Leipzig.

Bei der mitunter lebensbedrohlichen Krankheit müsse überall schnelle medizinische Hilfe gewährleistet sein. Die Stiftung gehört zu den Organisatoren des ersten Deutschen Patientenkongresses Depression, zu dem am 2. Oktober mehr als 1000 Besucher ins Leipziger Gewandhaus kamen.

"Wir sind völlig überwältigt von diesem großen Interesse", sagte Hegerl, der auch Leiter der Leipziger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist. Der Bedarf nach Austausch und Beratung sei bei den Betroffenen unglaublich hoch. "Wir konnten gar nicht so viele Plätze in den Workshops anbieten, wie es Interessenten gab."

Bei Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops schilderten Ärzte, Angehörige und Patienten die Krankheit Depression aus ihrer Sicht. Die Experten gaben unter anderem Tipps zum Umgang mit depressiven Erkrankungen in Alltag und Beruf.

Hegerls Angaben zufolge leiden etwa fünf Prozent der Deutschen an Depressionssymptomen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Depression inzwischen zu den Volkskrankheiten.

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[08.10.2011, 13:25:45]
Dr. Frank Schoeneich 
Eine Frage der Praxisorganisation? Welche Praxisorganisation?!
Praxisorganisation und Praxismanagement sind entscheidende, oft völlig außer acht gelassene Faktoren in dieser Diskussion. Allerdings sind gerade im Bereich der ambulanten Psychotherapie bislang kaum nennenswerte moderne und zukunftsweisende Konzepte einer "Praxisorganisation", die solch einen Namen verdienen würde, erkennbar.

Unserer Erfahrung im Psychotherapeutischen Zentrum POLIKUM (PZP) in Berlin nach kommt der Organisation der Praxis eine entscheidende Rolle zu. Wir können in der Regel allen Kassenpatienten im KV-System innerhalb von 14 Tagen zwei diagnostische Termine (computergestützte Psychometrie und diagnostisches beratendes Erstgespräch) sowie im Bedarfsfall sofort daran im Anschluß einen Therapieplatz anbieten, in der Regel einen Behandlungsplatz in einer lösungsorientierten Gruppenpsychotherapie. Diese Angebote werden sehr gut angenommen.

Ich werde nicht müde - auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen - auf die unglaublichen Möglichkeiten IM VORHANDENEN SYSTEM allein mit den vorhandenen ökonomischen Ressourcen hinzuweisen: Unbedingt müssen die Versorgungsstrukturen, in denen ambulant Psychotherapie erbracht wird, eine Phase der weiteren Professionalisierung als Entwicklung nehmen.
Nicht mehr desselben ist vonnöten, sondern intelligente moderne flexible und vor allem unbürokratische Konzepte und Modelle der integrierten Versorgung (Abschied von der Richtlinienpsychotherapie, die in dieser Hinsicht m.E. längst von der Wirklichkeit überholt worden ist und nunmehr eher hemmend für die Lösung der anstehenden Versorgungsprobleme scheint), aufbauend auf den vorhandenen Möglichkeiten, sind der Weg, der in die Zukunft führt.

Gruppentherapie wird in kaum einer psychotherapeutischen Versorgungseinheit ambulant in nennenswertem Umfang angeboten, obwohl evidenzbasiert für die allermeisten psychischen und psychosomatischen Störungen in der Mehrzahl der Fälle diese Therapieform in sinnvoller Kombination mit einzeltherapeutischen Sitzungen in geringerer Dosis eine inhaltlich wie ökonomisch zentrale Stellung einnehmen sollte, siehe so in der Behandlung der schwer und schwerst Kranken in der Klinik.

"Nebenbei" würde damit meiner klinischen wie auch therapeutischen Erfahrung nach auch das immer wieder in dieser Diskussion mitschwingende Problem der "gerechten" Verteilung der Psychotherapie (angeblich - und einiges spricht wirklich dafür - bekommen "attraktive", gebildete, wohlhabende und auch leichter kranke Patienten aus den verschiedensten Gründen schneller, häufiger und nicht selten länger / mehr ambulante psychotherapeutische Versorgung - hierbei handelt es sich dann in der Regel um Einzeltherapeutische Versorgung) in gewisser Weise wie von selbst gelöst: in der Gruppe stellen diese "Gesünderen" nicht selten eine absolut notwendige Voraussetzung zum Funktionieren der Gruppentherapie dar auch im Sinne eines Lernens am Modell für die anderen bzw. einer "Unterstützung" hinreichend funktionierender Gruppenprozesse. Damit und aus der Tatsache, daß diese Gesünderen meiner Erfahrung nach nicht so lange in den Gruppen brauchen, um wieder hinreichend symptomfrei und "lebensfähig" zu werden, ergeben sich interessante Implikationen für die möglichst weitest gehende Implemetierung gruppentherapeutischer Versorgung ins ambulante Versorgungssystem auch unter dem Thema der Verteilungsgerechtigkeit, wie ich finde. Die Therapiedauer ergibt sich meiner Erfahrung nach eben oftmals innerhalb der "Schwerehierarchie" innerhalb einer Therapiegruppe "sozial gerecht" beinahe wie von selbst (keine Angst - der Therapeut ist schon noch nötig…).

Ich bin da also bei der Forderung nach "mehr" Therapeuten sehr skeptisch. Ich würde ehrlich gesagt vor allem (a) andere Therapieangebote auch von den vorhandenen Therapeuten erwarten und (b) ein modernes "erreichbares" Praxismanagement per Telefon und für Notfälle mit Arzthelferinnen zur Terminvergabe auch in Notfällen wie in jeder normalen Arztpraxis üblich erwarten, (c) weitest gehende Kooperationen zwischen Ärztlichen Psychotherapeuten, Psychosomatikern, Psychologischen Psychotherapeuten, Psychiatern und anderen Fachärzten und Hausärzten und psychotherapeutischen Ausbildungseinrichtungen, (d) ein durchschaubares Monitoring und eine empirische Qualitätsmessung der angebotenen Leistungen: "Wer bietet im KV-System wie vielen Patienten (! - nicht wie viele Therapeuten! Entschuldigung, aber hier geht es mal nicht um unsere Anzahl, sondern um die Anzahl der versorgten Patienten) in welchem Zeitraum welche Anzahl an Behandlungen mit welcher Struktur-, Prozeß und Ergebnisqualität an" wären zielführende Fragen!

Denkbare Forderungen zur Zulassung einer Praxis im KV-System könnten in Zukunft sein: Jede Psychotherapiepraxis (Psychologische wie auch Ärztliche Psychotherapie) sollte pro Woche eine Mindestanzahl an neuen Patienten sehen und auch komplett diagnostizieren und ggf. in eine lösungsorientierte Psychotherapie einschleusen können, sollte mit Psychiatern und anderen Fachärzten eng kooperieren, zu üblichen Sprechzeiten telefonisch wie auch durch "die offene Tür" erreichbar sein, täglich auch Notfälle annehmen können und ein modernes System der Diagnostik-, Therapieprozess- und Outcomemessung etabliert haben. Gerade die Fokussierung auf bestimmte Mindestzahlen an neu diagnostizierten und psychotherapeutisch versorgten Patienten pro Quartal würde der Diskussion in eine zielführende lösungsorientierte Richtung verhelfen und ähnlich der Etablierung anderer Center of Excellence (Herzzentren, Brustzentren, Rückenzentren, Schmerzzentren etc.) auch eine gewisse Absicherung hinsichtlich der vorhandenen Behandlungsexpertise vor Ort Rechnung tragen.

Im vorhandenen System sehe ich viel Luft nach oben, viele Optimierungsmöglichkeiten. Wie so etwas konkret aussieht und wirklich funktioniert im laufenden Betrieb, kann gern bei uns in Berlin besichtigt werden.

Dr. Frank Schoeneich
Psychotherapeutisches Zentrum POLIKUM (PZP) Berlin zum Beitrag »

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