Ärzte Zeitung online, 25.11.2011

Schalter gegen Depression entdeckt

Spektakulärer Erfolg im Kampf gegen Depressionen: Forscher haben offenbar einen Schalter im Hirn der Erkrankten gefunden, mit dem sich die Depressionen einfach abschalten lassen. Wurden ganz bestimmte Faserbahnen gereizt, besserten sich die Symptome bei all den schwer kranken Probanden.

Von Thomas Müller

Schalter bei Depressionen gefunden

Wenn man bei depressiven Menschen die medialen Vorderhirnbündel stimuliert, bessern sich die Symptome.

© Medtronic

BERLIN. Noch müssen sich die Ergebnisse natürlich erst noch bei größeren Patientenzahlen bestätigen, doch was Professor Thomas Schläpfer aus Bonn beim DGPPN-Kongress in Berlin vorgestellt hat, lässt sich durchaus als spektakulär bezeichnen.

Es ist den Forschern offenbar gelungen, einen Schalter im Gehirn zu finden, mit dem man Depressionen komplett ausschalten kann.

Mediale Vorderhirnbündel stimulieren

Nach den noch unveröffentlichten Daten von Schläpfer scheint besonders die Stimulation der medialen Vorderhirnbündel zum Erfolg zu führen: Alle sieben Patienten, bei denen das Verfahren bislang geprüft wurde, sprachen auf die Therapie an, und fast alle kamen sogar in Remission.

Auf die Idee, ausgerechnet die medialen Vorderhirnfasern zu reizen, kam Schläpfers Team, nachdem sich die Forscher die bisherigen Studien zur Tiefenhirnstimulation (THS) bei schwer Depressiven genauer angeschaut hatten.

Quelle der Freude

So wurde die THS bisher im Cingulum, am ventralen Striatum sowie am Nucleus accumbens getestet - alles Strukturen des Belohnungssystems, das bei Depressiven nur mangelhaft funktioniert und die Freudlosigkeit mit verursacht.

In Studien ließen sich mit der THS an diesen Orten Ansprechraten im Bereich von 50 bis 60 Prozent erzielen. Diese Strukturen erhalten über das mediale Vorderhirnbündel Signale vom ventralen Tegmentum. Daher liegt es nahe, diese Fasern direkt zu reizen.

Da man damit praktisch nahe an der Quelle der Freude stimuliert, erwarteten die Forscher eine bessere Wirksamkeit bei niedrigerer Spannung und weniger Nebenwirkungen.

An sieben Patienten getestet

Sie implantierten nun bei sieben Patienten einen Hirnstimulator an den Vorderhirnbündeln. Die Patienten hatten alle einen Wert auf der Hamilton-Depressionsskala zwischen 30 und 40 Punkten - sie waren also schwerst depressiv.

Zum Vergleich: Bei Depressiven in Medikamentenstudien ist der Wert zu Beginn meist nur halb so hoch.

Probanden springen schnell an

Praktisch sofort mit Beginn der Stimulation fiel der Wert bei allen Patienten drastisch ab und war schon nach zwei Tagen um mehr als die Hälfte gesunken, was als Kriterium fürs Ansprechen gilt.

Bis auf einen Patienten erreichten auch alle das Remissionskriterium - einen Wert unter sieben Punkten. Für diesen Erfolg genügte es, mit 2 Volt zu reizen, in Studien mit anderen Orten waren bis zu 10 Volt nötig gewesen. Dies führte auch dazu, dass keine größeren stimulationsbedingten Nebenwirkungen auftraten.

Künftige Therapieoption?

Hoffnung macht die Beobachtung aus anderen Studien, dass Patienten, die auf die THS ansprechen, auch dauerhaft frei von Depressionen bleiben.

Sollten die medialen Vorderhirnbündel tatsächlich eine Art Hauptschalter sein, mit dem sich Depressionen abschalten lassen, dann könnte die THS für viele sonst nicht behandelbare Depressive eine gute Option werden.

Schläpfer hofft jedoch, dass man in Zukunft auch Methoden entwickelt, um solche Hirnstrukturen nichtinvasiv zu modulieren.

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