Ärzte Zeitung, 04.06.2012

Bayerns Osten ist Depressions-Hochburg

Wer aus dem Arbeitsleben ausscheidet, gerät nicht unbedingt in eine Sinnkrise. Im Gegenteil: Die Rente wirkt eher antidepressiv. Das belegen Abrechnungsdaten. Sie zeigen auch, in welchem Alter und in welchen Regionen Depressionen am häufigsten auftreten.

Bayerns Osten ist Depressions-Hochburg

Bei Frauen kommen Depressionen doppelt so häufig vor wie bei Männern.

© imago/imagebroker

FRANKFURT/MAIN (mut). Etwa zehn Prozent aller erwachsenen Patienten in Deutschland erhielten im Jahr 2007 die Diagnose einer Depression. Frauen waren davon doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Das geht aus einer Analyse von Versorgungsdaten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Vereinigung (ZI) hervor. Sie basiert auf bundesweiten Abrechnungsdaten von Vertragsärzten.

Auffallend sind dabei deutliche regionale Unterschiede. So wurden im Osten Bayerns besonders häufig Depressionen diagnostiziert, mit Straubing als Spitzenreiter (Depressionen bei 18 Prozent der Patienten).

Dagegen erscheinen die neuen Bundesländer weitgehend als depressionsfreie Zonen (Depressionen bei 5 bis 6 Prozent).

Diese Zahlen sprechen allerdings eher für massive Versorgungsdefizite im Osten, so das ZI in einer Mitteilung. Eine weitere Erkenntnis: Regionen und Städte mit besonders hohem Anteil an depressiven Patienten sind oft auch von niedrigem Wohlstand oder ungünstiger Sozialstruktur geprägt.

Für das ZI zählen daher soziale Benachteiligung und Einsamkeit zu den wichtigsten Gründen für regionale Unterschiede.

Prävalenz steigt ab dem 70. Lebensjahr

Erkenntnisse liefern die Versorgungsdaten, die jetzt in einem Update des Versorgungsatlas zusammengefasst sind, auch zum Altersverlauf von Depressionen. So steigt die Prävalenz zunächst vom 18. bis zum 60. Lebensjahr fast linear an (von 1,3 auf 9,4 Prozent bei Männern und von 3,0 auf 17,9 Prozent bei Frauen), fällt dann aber mit Renteneintrittsalter wieder um etwa drei Prozentpunkte ab.

Dies widerspricht der oft geäußerten Vermutung, dass Berufstätige mit dem Ende des Arbeitslebens in eine Sinnkrise geraten; die Rente scheint eher antidepressiv zu wirken.

Allerdings ist die Freude nur von kurzer Dauer: Ab dem 70. Lebensjahr steigt die Prävalenz wieder an und erreicht Höchstwerte von 11,2 Prozent bei 90-jährigen Männern sowie 19 Prozent bei 85-jährigen Frauen.

Quelle: www.springermedizin.de

[06.06.2012, 14:19:40]
Dipl.-Psych. Joachim Downar 
Therapie: Umzug in die depressionsfreien Zonen
Zum Beitrag von Frau Frieser,

Das sehe ich ebenso! Die Individualisierung chronischer Erkrankungen mit epidemiologischen Ausmassen "Jeder ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich", "Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für jeden gesorgt" führt direkt in die Erkrankung hinein und in die Einsamkeit: in Deutschland eine Ansammlung von 10 Mio. Einzelfällen Depressiver, etwa genau so vielen Diabetikern Typ 2 und etwas mehr Herzinfarkten. Und es trifft die überforderten Berufstätigen genauso wie die unterforderten Arbeitslosen. Alles das ist seit Jahren bekannt. Der eigentliche Skandal ist nicht so sehr diese alljährlichen Statistiken, der eigentliche Skandal ist die Untätigkeit der Verantwortlichen. zum Beitrag »
[05.06.2012, 14:47:19]
Eva Frieser 
Großstädte als Depressions-Hochburgen
Ballungsräume und Zentren der Wirtschaft wie Berlin, Hamburg oder München sowie westdeutschen Regionen generell weisen Depressionsraten von bis zu 18,2% auf, während in ostdeutschen ländlichen Regionen Depressionsraten von 5% auftreten.

Doch die Studie kommt zu folgendem widersprüchlichen Ergebnis:
Geringer Bildungsstand sowie schlechte Beschäftigungssituation korrelieren mit einer hohen Depressionsprävalenz.
Dagegen wirken Rente und Arbeitslosigkeit antidepressiv.

Liegt da nicht eher die Vermutung nahe, dass die sozioökonomischen Faktoren in den stressinduzierenden Lebensbedingungen der Städte und der Arbeitswelt zu suchen sind.

Leider bleibt die Studie der alten Hypothese verhaftet, dass die Ursache der Depression in individualisierten, psychischen Lebenskrisen zu suchen ist. Dagegen gibt es viele neue Untersuchungen, die einen direkten Bezug zwischen Stress, Arbeitswelt und Depression herstellen.

In der Hoffnung, dass diese Bezüge in Zukunft stärker berücksichtigt werden...



Gleichzeitig Die Studie
kein Zusammenhang zwischen einer
höheren Arbeitslosenrate und höheren Depressionsprävalenzen
gefunden werden konnte,


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