Ärzte Zeitung, 12.02.2015

Depressionen

MS-Patienten hilft Online-Verhaltenstherapie

In einer ersten klinischen Studie hat sich eine neue Therapie von Depressionen bei Patienten mit Multipler Sklerose bewährt. Für die Behandlung wird ein Computer-Programm genutzt, auf das die Patienten direkt von zu Hause aus zugreifen können.

MS-Patienten hilft Online-Verhaltenstherapie

Gut zugängliche Online-Psychotherapie kann die Stimmung heben.

© Shannon Fagan / imagesource.com

HAMBURG-EPPENDORF. Mit dem computergestützten Therapieprogramm "deprexis" können MS-Patienten über das Internet direkt von zu Hause Hilfe erhalten.

Darüber berichten Psychologen und Ärzte vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (The Lancet Psychiatry 2015, online 4. Februar).

Patienten mit Multiple Sklerose (MS) haben gehäuft auch psychische Symptome wie Lern- und Gedächtnisstörungen.

Auch das Risiko einer Depression ist bei MS-Patienten drei- bis viermal höher als in der Allgemeinbevölkerung, wie das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) mitteilt.

Obwohl Depressionen bekanntlich zu starken Beeinträchtigungen im Familien- und Arbeitsleben führen können, werden betroffene Patienten mit MS oft nicht erkannt und behandelt, da der Einsatz antidepressiver Medikamente bei MS-Patienten wegen möglicher Nebenwirkungen problembehaftet sein kann.

Darüber hinaus erschweren die eingeschränkte Gehfähigkeit und Mobilität vieler Patienten mit MS den Zugang zu klassischen Depressionsbehandlungen wie der ambulanten Psychotherapie.

Zugänglichkeit war ein Ziel

"Ziel unserer Studie war es, psychologische Methoden der Depressionsbehandlung den vielen Patienten mit MS zugänglich zu machen, die an Depressionen leiden, denen es aber aufgrund ihrer neurologischen Symptome oft schwerfällt, eine passende Behandlung zu finden", wird Professor Christoph Heesen, Neurologe und Leiter der MS-Tagesklinik des UKE, in einer Mitteilung zitiert.

Hierbei setzten die Forscher ein computergestütztes Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie ein, auf das die Patienten direkt von zu Hause über das Internet zugreifen konnten: das Computer-Programm "deprexis".

"Dieses Verfahren greift die wesentlichen Elemente der Verhaltenstherapie auf", erläutert der Psychologe Professor Steffen Moritz in der Mitteilung das Vorgehen.

"Es nutzt dafür künstliche Intelligenz, um eine dialogähnliche Situation mit dem Patienten zu erzeugen. Auf diese Weise werden Patienten beim Erlernen neuer Strategien unterstützt, um depressive Denkstrukturen zu vermeiden und aktiv am Leben teilzunehmen."

Insgesamt wurden 90 Patienten mit MS für diese Studie randomisiert einer dreimonatigen Therapie mit dem deprexis-Programm oder einer Wartegruppe zugewiesen.

71 Patienten beendeten den Versuch: 35 in der Interventionsgruppe und 36 in der Kontrollgruppe ohne Therapie. Gemessen wurde mit dem Beck-Depressions-Inventar (BDI), deren höchster Wert von 30 einem schweren depressiven Syndrom entspricht.

Der Unterschied war signifikant

Nach neun Wochen hatte der Score-Wert in der deprexis-Gruppe ab-, in der Kontrollgruppe dagegen zugenommen. Im Mittel betrug der Unterschied zwischen beiden Gruppen signifikante 4,02 Punkte.

Bei drei (7 Prozent) von 45 Patienten der Kontrollgruppe hatten sich die depressiven Symptome über einen Wert von 13 verschlechtert, dagegen bei keinem in der deprexis-Gruppe.

Außerdem gaben die Patienten in der Therapiegruppe eine signifikant verringerte Ermüdbarkeit und eine erhöhte Lebensqualität an.

Die hohe Rate von Depressionen bei Patienten mit MS habe neben psychologischen vermutlich auch biologische Ursachen, da MS zum Beispiel auch Nerven in Hirnregionen schädigen kann, die für das emotionale Erleben wichtig sind.

Die psychologischen und biologischen Auswirkungen solcher Programme sollen in zukünftigen Studien untersucht werden.

Sollte sich der Nutzen von "deprexis" bestätigen, könnte das Programm durch die einfache Verfügbarkeit über das Internet schnell vielen MS-Patienten mit Depressionen zugänglich gemacht werden.

Da depressive Symptome bei vielen chronischen Erkrankungen auftreten und Mobilitätseinschränkungen eine Barriere zur Depressionstherapie darstellen, könnte das Verfahren auch für andere Patientengruppen hilfreich sein. (eb/ars)

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