Ärzte Zeitung online, 02.03.2015

Psychiater alarmiert

Immer mehr Kinder mit Depressionen

Immer häufiger stellen Ärzte bei Jugendlichen oder gar schon bei Kindern eine Depression fest. Kinder- und Jugendpsychiater sind alarmiert.

Von Sabine Dobel

Immer mehr Kinder mit Depressionen

Eine depressive Episode von mehreren Wochen oder Monaten trifft bereits 14 Prozent der Jugendlichen.

© Schönfeld / fotolia.com

MÜNCHEN. Blass, müde, mit ausdruckslosem Gesicht sitzt die 13-Jährige in der Sprechstunde. Die Eltern sind ratlos. "Wir haben schon so viel versucht."

Das Mädchen geht seit Wochen nicht aus dem Haus. Freundinnen rufen nicht mehr an. Am Ende des Arzttermins ist klar: Depression. Die Volkskrankheit, die nach allgemeiner Ansicht Erwachsene trifft, holt anscheinend immer öfter auch Kinder und Jugendliche ein.

Die Zahl entsprechender Diagnosen sei in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, sagt Professor Gerd Schulte-Körne von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München.

"Es gibt eine dramatische Zunahme im ambulanten und stationären Bereich."

Schulte-Körne leitet vom 4. bis 7. März den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).

Rund 2000 Kinder- und Jugendpsychiater diskutieren in München über "Veränderte Gesellschaft - Veränderte Familien" und die Herausforderungen an Kindheit und Jugend.

"Wenn ein Kind länger traurig war und sich zurückgezogen hat, hat man das früher nicht ernst genommen", sagt Schulte-Körne.

Dabei könne das der Anfang einer depressiven Phase sein - die unbehandelt in Alkohol, Drogen, einer chronischen Depression oder gar Selbstmord enden kann.

Ganz unterschiedliche Anzeichen für Depression

Heute seien Eltern, Freunde und Lehrer aufmerksamer. Grundlose Bauchschmerzen, große Müdigkeit und Aggressionen können Hinweise auf eine Depression sein.

Bei zwei bis vier Prozent der Kinder im Grundschulalter stellen Fachärzte eine depressive Episode von mehreren Wochen oder Monaten fest, bei Jugendlichen sind es 14 Prozent, fast so viele wie bei Erwachsenen mit 20 Prozent.

"Wir haben so viele Kinder, die depressiv erkrankt sind. Aber wir haben immer noch ganz wenig Wissen, wie wir ihnen helfen können", sagt Schulte-Körne.

Sport, Lichttherapie, Gespräch und nur im Notfall Medikamente - erstmals gebe es zumindest Behandlungsleitlinien. Doch selbst Fachärzte wendeten noch immer ungeeignete Gesprächsmethoden und Medikamente an. Depression bei Kindern wird unterschätzt.

Grund für die hohen Zahlen bei Jugendlichen sind laut DGKJP unter anderem neben Pubertät schulische Überforderung - und Mobbing in Schule oder sozialen Netzwerken.

Fast 30 Prozent der Schüler sind damit konfrontiert, fast die Hälfte spricht nicht darüber und schämt sich für das "eigene Versagen".

Veränderte Lebenswelten der Kinder

"Stress durch Belästigung und Beschimpfung ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für Depression", warnt Schulte-Körne. Hinzu komme die exzessive Nutzung des Internets und damit ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus.

"Durch veränderte Lebenswelten haben die Kinder auch weniger Möglichkeiten zu kompensieren - sie gehen viel weniger raus." Dabei sind gerade frische Luft, Licht und Bewegung die beste Therapie.

Ein Hauptrisiko für psychische Störungen bleibt ein frühes Trauma. "Am meisten betroffen sind Kinder, die frühe traumatische Erfahrungen hinter sich haben: Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung", sagt Schulte-Körne.

Trotz Aufklärung: "Wir wissen, dass das immer noch relativ häufig passiert - und oft weggeguckt wird."Stark gefährdet sind auch Flüchtlingskinder, die nach traumatischen Ereignissen immer häufiger auch ohne Eltern Zuflucht in Deutschland suchen.

Aber der Zugang zu ärztlicher Hilfe ist in Unterkünften und Heimen extrem erschwert.

"Die Kommunen haben noch nicht erkannt, dass die Traumafolgen der jugendlichen Flüchtlinge zu erheblichen psychischen Problemen führen können und daher fachärztliche Behandlung bedürfen", sagt Schulte-Körne.

Risikofaktor Ehescheidung

Trennungen der Eltern erhöhen das Risiko ebenfalls. Mehr als jede dritte Ehe geht laut Statistischem Bundesamt binnen 25 Jahren auseinander. Fast die Hälfte der 2013 geschiedenen Ehepaare hatte Kinder unter 18 Jahren, rund 136.000 Kinder waren betroffen.

Eine Studie am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung der Universität München ergab, dass Kinder bei Trennungen unter vielfältigen Faktoren leiden: Der Streit der Eltern, der Druck, sich mit einem Elternteil zu verbünden, die Umstellung auf neue Partner der Eltern - und finanzielle Belastungen.

Denn oft können sie sich nicht leisten, was ihre Freunde haben - eine zusätzliche Kränkung. Dennoch fand das Team um Sabine Walper heraus: Eine Trennung belastet oft kaum mehr als Dauerkrach der Eltern.

"Wie versuchen, dass wir Kinder bei Trennungen und in schwierigen Familiensituationen früh begleiten", sagt Schulte-Körne. Und: "Wir müssen frühzeitig in Familien gehen, in denen die Eltern schon depressiv erkrankt sind."

Denn die Krankheit ist Stress für die Kinder - sie sind damit stärker gefährdet.

Tatsächlich gibt es auch eine genetische Veranlagung. Ein Beispiel ist das Gen FKBP5. Jeder zweite Mensch hat eine bestimmte Variante dieses Gens, das anfälliger macht für Stress.

"Bei jedem kleinen Stress wird mehr Stresshormon ausgeschüttet. Die Menschen haben mehr Schwierigkeiten wieder runterzukommen", sagt Elisabeth Binder vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

"Wenn man dann ein Trauma in der Kindheit erlebt, hat man ein deutlich höheres Risiko, an Depression oder posttraumatischer Belastungsstörung zu erkranken."

Die Hauptfrage sei: "Wie können wir verhindern, dass es zu Erkrankungen kommt?" Die Forschung steht am Anfang. Vor allem bei Kindern ist die Bedeutung des Gens weitgehend unerforscht.

Eine Studie läuft derzeit an der Charité in Berlin in Zusammenarbeit mit dem MPI. Es wird Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen, die dann hoffentlich eine bessere Behandlung oder Prävention ermöglichen. (dpa)

[03.03.2015, 09:13:36]
Wolfgang Ebinger 
Das Auslaufmodell der klassischen Familie
(Sarkasmusmodus an)
Die statistische Häufung psychischer Erkrankungen im Kindesalter mit dem Zerfall der klassischen Familie in Verbindung zu bringen, ist natürlich völlig absurd. Und dass Kinder mittlerweile vielfach zu einer problembehafteten gesellschaftlichen Randerscheinung oder zum Nachweis der eigenen Zeugungsfähigkeit mutiert ist selbstverständlich auch ein völlig abwegiger Gedanke. Und dass das möglichst frühzeitige Abschieben der Schwächsten unserer Gesellschaft in Kinderkrippen - mit 6 bis 8 Schrei- und Wickelkindern pro Betreuungsperson - für diese Entwicklung mitverantwortlich sein könnte, ist selbstredend völlig an den Haaren herbeigezogen.
(Sarkasmusmodus aus)
Statt für Frühsexualisierung in Grundschulen oder sogar Kindergärten Steuergelder zu verplempern könnte man auch einmal darüber nachdenken, wie man junge Familien mit Steuergeldern stärken kann, sich intensiv und in gesunder Weise verantwortungsbewusst um ihre Kinder zu kümmern.

Art. 6 Abs. 2 GG ist offenbar vollständig aus dem Blickfeld geraten!

Es ist zum Heulen: das für eine gesunde frühkindliche Entwicklung dringend notwendige Urvertrauen der Kleinsten wird mit staatlicher Hilfe systematisch abgebaut. Und da das Geld eine so magische Anziehungskraft besitzt, sind selbstverständlich auch immer mehr Eltern total hypnotisiert und bereit - wie der Esel hinter der Möhre - dem Geld hinterher zu trotten, immer geil auf den nächsten Euro für Konsum - oder eben für die Psychotherapie der Kinder, die partout nicht so funktionieren wollen, wie sie sollen!
(Sarkasmusmodus ein)
Diese doofen Kinder! Erst hindern sie einen, die Bikinifigur beizubehalten, dann nerven sie Nacht und Tag durch ihr lästiges Geschrei, kosten Unsummen von Geld für Krippenplatz, Kindergarten und Psychotherapie - und zum guten Schluss wollen sie sich noch nicht einmal um die alternden Eltern kümmern! Nicht zu fassen! Dieses unnütze und undankbare Pack! Wo wir doch so viel Geld in sie investiert haben ...
(Sarkasmusmodus aus)

Dass eine gesunde Gesellschaft aus gewachsenen und vertrauensvollen Beziehungen besteht, kann aber sicherlich in diesem Zusammenhang auch vernachlässigt werden. Deshalb: wir brauchen logischerweise mehr und bessere Therapeuten, die die gesellschaftliche Schieflage endlich beseitigen! zum Beitrag »
[03.03.2015, 07:41:38]
Dr. Joseph Kuhn 
Ist Psychotherapie für Psychiater ein Unwort?
Der Beitrag macht auf ein wichtiges Thema aufmerksam und spricht viele wichtige Punkte an. Etwas befremdlich ist allerdings die Abwesenheit des Begriffs "Psychotherapie", die man bestenfalls hinter dem unspezifischen Alltagswort "Gespräch" erahnen kann. Dabei leisten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Psychologische Psychotherapeuten sowie ärztliche Psychotherapeuten im ambulanten wie stationären Bereich einen wesentlichen Teil der Depressionsbehandlung. Auch die aktuelle S3-Leitlinie hebt die Bedeutung der Psychotherapie trotz (aufgrund fehlender Studien bei Kindern und Jugendlichen) schwacher Evidenz ausdrücklich hervor. zum Beitrag »
[03.03.2015, 00:30:04]
Dr. Fritz Gorzny 
Häufige Ursache der Depression: Schulisches Versagen
In meiner Augenärztlichen Praxis erlebte ich an einem Praxisalltag gleich zwei Jugendliche, deren Eltern von suizidalen Wünschen ihrer Kinder verängstigt waren. Beide Jungen im Alter von 10 Jahren galten als Legastheniker und konnten trotz normaler Intelligenz den schulischen Anforderungen nicht genügen,was sie verzweifeln ließ.Ursache der vermeintlichen Legasthenie waren aber korrigierbare Störungen des Biokularsehens. In beiden Fällen war eine Schieloperation der assoziierten Heterophorie vulgo Winkelfehlsichtigkeit erforderlich, die zur vollständigen Beseitigung des Leistungsdefizits und damit auch der Ursache der Depression führte. Solche Fälle sind mir immer wieder während meiner nun 20 jährigen Beschäftigung mit Binokularproblemen begegnet, sodaß ich alle, die sich mit der Problematik der kindlichen Depression beschäftigen, auf diese mögliche Ursache aufmerksam machen möchte.
F.Gorzny
Augenarzt Koblenz. Vizepräsident der Internationalen Vereinigung für Binokulares Sehen (IVBS) zum Beitrag »

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