Ärzte Zeitung online, 27.03.2015

Germanwings-Absturz

Was ging in Andreas L. vor?

Der Co-Pilot soll die Germanwings-Maschine mit 150 Menschen an Bord bewusst zum Absturz gebracht haben. Über seine möglichen Motive hat die "Ärzte Zeitung" mit Suizid-Experten gesprochen.

Von Thomas Müller

Was ging in Andreas L. vor?

Die Germanwings-Maschine zerschellte vergangenen Dienstag in den französischen Alpen, alle 150 Menschen an Bord - darunter 75 Deutsche - starben.

© Francis Pellier/Dicom/Ministe

BAYREUTH. Vielleicht liefert das Kino eine Erklärung: Anfang dieses Jahres war der gefeierte argentinische Episodenfilm "Wild Tales" zu sehen.

In einer der Episoden lädt ein Mann anonym alle diejenigen ein, die ihn irgendwann einmal gekränkt haben, bucht einen gemeinsamen Flug und sitzt dann selbst am Steuer. Er verriegelt das Cockpit und stürzt mit ihnen in den Tod.

Wollte sich Andreas L. in ähnlicher Weise rächen, an der Welt, der Gesellschaft? Hat er gar den Film gesehen und wurde dadurch inspiriert?

Noch ist wenig bekannt über die Motive des jungen Piloten, der 149 weitere Menschen mit in den Tod riss, als er die Cockpittür hinter sich verschloss und den Sinkflug einleitete.

Doch scheint Rache einer der möglichen Gründe zu sein - das Fanal eines Gekränkten.

"Depressive sterben meist alleine"

Dieses Motiv hält Professor Manfred Wolfersdorf, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik in Bayreuth, für durchaus wahrscheinlich, einen "depressiven Modus" hingegen weit weniger.

Depressive, so der Psychiater im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", sterben meist alleine.

Am ehesten nimmt die depressive Mutter aus pseudo-altruistischen Motiven noch das Kind mit, weil sie dieses bedroht sieht, oder schlicht, um es nicht alleine in dieser Welt zurückzulassen.

"L. kennt seine Opfer nicht, er nimmt sie um ihrer Funktion willen mit. Hier geht es um den aggressiven Aspekt des Suizids, die Macht über andere, um Rache und Vorstellungen wie: ,Die Welt mag mich nicht, keiner will mich, niemand respektiert mich.‘ Hier geht es um eine Verletzung des eigenen Wertgefühls, des eigenen Narzissmus. Und dann setzt man ein solches Fanal."

"Er stürzt aus dem Himmel, und die ganze Welt schaut zu"

Der Flugzeugabsturz erinnert den Psychiater an den Tod des FDP-Politikers Jürgen Möllemann: "Er stürzt aus dem Himmel, und die ganze Welt schaut zu."

L. hat sich offenbar als "Flying Andi" bezeichnet. "Das spricht für gewisse Größenideen." Möglicherweise fühlte er sich aber in seinen Kompetenzen und seinem Können nicht anerkannt.

Nach Medienberichten trug er den Spitznamen "Tomaten-Andi", als er eine Zeit lang als Flugbegleiter arbeitete.

Vielleicht ließ die Diskrepanz zwischen den narzisstischen Vorstellungen und den erlebten Kränkungen seine Suizid-Idee aufblühen.

Dann könnte ein Tropfen genügt haben, eine banale Bemerkung, eine weitere Kränkung, um das Fass zum Überlaufen zu bringen, vermutet Wolfersdorf.

Entscheidung kann kurzfristig fallen

Auch wenn die Suizid-Idee mitunter jahrelang in jemandem gärt, die endgültige Entscheidung kann dann sehr kurzfristig fallen.

"Sie wird bei etwa der Hälfte der Suizide erst in der Stunde vor dem Tod getroffen."

Geht man davon aus, dass L. tatsächlich die Germanwings-Maschine zum Absturz bringen wollte, sind auch noch andere Motivlagen denkbar.

So könnte der Co-Pilot den Tod der anderen Menschen auch einfach nur in Kauf genommen haben.

"Vielleicht hat ihm in dieser Situation das Mitgefühl gefehlt und er wollte seinen Todeswunsch ohne Rücksicht auf das Leben der Passagiere umsetzen", sagte Dr. Wolfram Dorrmann, Psychotherapeut aus Fürth und Autor des Standardwerks "Suizid" im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Eine spontane Kurzschlussreaktion hält er dagegen für unwahrscheinlich: "Acht Minuten im Sinkflug sind eine lange Zeit, hier muss schon eine bewusste Entscheidung dahinter stehen."

Den Wunsch, sich selbst zu töten, können auch Medikamente verstärken oder gar auslösen, so der Psychotherapeut.

Im Verdacht stünden hier etwa Gyrasehemmer, das Akne-Mittel Isotretinoin oder eine beginnende SSRI-Therapie. Veränderungen des Hirnstoffwechsels scheinen auch bei Personen Suizid-Ideen zu begünstigen, die noch nie zuvor Selbsttötungsabsichten hatten.

"Solche Menschen erleben diesen Wunsch aber dann häufig als ichfremd."

Kritisch seien die Zustände, wenn sie auf eine Situation treffen, in der ein Suizidwunsch nachvollziehbar erscheint, wenn sich die Personen als zuvor schon hoffnungslos oder von der Gemeinschaft ausgeschlossen fühlten.

Vor dem Suizid noch zum Arzt

Dorrmann verweist auf ein weiteres interessantes Detail: Die meisten Selbsttötungen finden nicht lange nach einem Arztbesuch statt - auch L. war in ärztlicher Behandlung und am Flugtag krankgeschrieben.

"Oft klagen Männer vor dem Suizid über Gereiztheit und Schlaflosigkeit." Mitunter bekommen sie dann Anxiolytika verordnet, und diese lösen vielleicht auch die Angst vor dem eigenen Sterben.

War das vielleicht ein Grund, weshalb L. acht Minuten völlig ruhig dem Ende entgegensah?

Auch der Psychiater Wolfersdorf hält psychoaktive Substanzen für eine alternative Erklärung: "Nimmt jemand Crystal Meth, dann kann das eine akute psychotische Episode mit Verfolgungsideen auslösen. So jemand kann durchaus die Tür zusperren, auf niemanden mehr reagieren und auf das Ende warten."

Wie können Airlines sich schützen?

Die genauen Umstände werden sich wohl nie rekonstruieren lassen, doch wie können sich Fluggesellschaften besser vor psychisch labilen Piloten schützen?

Für Dorrmann sind regelmäßige Untersuchungen sinnvoll, bei denen auch auf Stresssymptome wie Schlaflosigkeit und Reizbarkeit geachtet wird sowie auf körperliche Probleme, die bei Männern mit Depressionen gehäuft auftreten.

Die Lebensgeschichte sollte ebenfalls genauer analysiert werden: Ist der Verlust eines Lebenspartners oder nahen Angehörigen zu beklagen?

"Gerade in jungen Jahren kann auch der erste große Liebenskummer sehr dramatisch sein, da sind suizidale Gedanken nicht selten", erläuterte der Psychotherapeut.

[10.04.2015, 09:46:10]
Carmen Brill 
"Die Germanwings-Maschine zerschellte in den französischen Alpen."
Dr. Detlef Bunk [30.03.2015, 13:29:28] kommentiert: Wilder Spekulationsamok
Nun beteiligt sich auch die ÄZ an dem Spekulations-Amok mit den wildesten Spekulationen .....

Nicht mehr, weißt dieses Interview mit einem sogenannten "Suizid-Experten" auf.
Rätselraten, welch ein schäbiger Journalismus!
Kompetenz und Seriosität sieht in meinen Augen wesentlichen anders aus. Was soll`s, dafür gibt es kein ja Gesetz. Meinungsfreiheit, jeder darf sein Meinung aussprechen oder sie die Welt schreiben.
(Wobei ich erwähnen möchte, dass unser Deutschland -über-reguliert- ist)
Hierbei wird zunehmend klarer, dass gute Recherche in "Dschland" immer seltener wird. Journalismus wird nicht mehr betrieben bis Fakten zusammen getragen sind, NEiiiiIN. Journalisten müssen vorab, wie in politisch gewohnter Art: "Wir können nicht ausschließen ..." (alles und nichtssagend) recherchiert. Und warum, schließlich will man an den schnöden Mammon. Den gibt es dann ja auch ohne Rücksicht auf diffamierte Betroffene.

Man....man....man.... wem sollte man noch vertrauen schenken?
Niemals würde ich jemanden eine Depression wünschen, damit er/sie wisse, worum es geht.
Verdammt nochmal- ZITAT: "Einfach mal die Fre... halten, wenn du keine Ahnung hast!"

Dr. Detlef Bunk [30.03.2015, 13:29:28] Danke, Sie schrieben mir aus der Seele!

WuHeil


 zum Beitrag »
[31.03.2015, 03:16:38]
Dipl.-Psych. Wilfried Vogelbusch 
mangelnde Spiegelneuronen
ob der Co-Pilot schuldig ist oder nicht: manchmal reichen schon die Phyisognomie und die Spiegelneuronen aus, um zu entscheiden, ob man jemanden alleine in einem Cockpit lassen kann. Insofern kann man spekulieren, ob nicht auch der 1. Pilot an dem Unfall mitschuldig ist wenn er das Cockpit verlässt.  zum Beitrag »
[30.03.2015, 14:40:38]
Dr. Wolfgang Bensch 
Grosser erster Liebeskummer im Cockpit?
Das Problem ist wohl eher, dass es nicht nur die "reale Welt" für den Copiloten gab und dies wohl bereits zuvor zu mehreren Kontakten mit der medizinischen Welt geführt hatte, die ihn z.B. am letzten Dienstag eigentlich Arbeitsunfähigkeit bescheinigt hatte.
Lebte er "seinen Traum" auf diesem Flug? zum Beitrag »
[30.03.2015, 14:11:25]
Andrea Ulrich 
Dank an Dr. Bunk
Dem Kommentar von Dr. Bunk aus Essen ist nichts hinzuzufügen, vielen Dank dafür! Doch - eins: Wie kann es sein, dass in der heutigen Print-Ausgabe der ÄrzteZeitung der Filmtitel "Wild Tales" richtig geschrieben ist, hier online aber falsch (Wilde Tales)?  zum Beitrag »
[30.03.2015, 13:29:28]
Dr. Detlef Bunk 
Wilder Spekulationsamok
Nun beteiligt sich auch die ÄZ an dem Spekulations-Amok mit den wildesten und verwegensten Annahmen über den seelischen Zustand und vermeintliche Motive des C-Piloten, der hier an den Pranger gestellt wird. Herr Thomas Müller erfindet und feuert auch noch weitere mögliche Theorie an, indem er fachliche Fakten in aberwitzige Zusammenhänge bringt: Crystal Meth kann jetzt auch die Ursache gewesen sein, und – in der Soap Opera ("Wilde Tales") sind ja vergleichbare Vorfälle schon einmal beschrieben worden. Mein lieber Mann, was für ein Journalismus!
Liebe medizinische Kollegen und Fachjournalisten, haltet an euch, bleibt im Namen hoch angesehener Gesundheitsberufe seriös!
Was habt ihr denn für kausale Fakten, Anknüpfungstatsachen und Beweise? Nichts was Bestand hätte und nicht auch durch andere plausible Ursachen zu erklären wäre. Ihr kennt doch nur das unzusammenhängende Gestammel aus Fakten und Vermutungen des französischen Staatsanwalts Brice Robin von vor vier Tagen – oder habt ihr alle, die da sich psychopathologisch äußern, die wav-Datei des Voice-Rekorders und die Krankenakten des Co-Piloten vorliegen und selbst genau analysiert? Mitnichten. Alternative Szenarien sind keinesfalls auszuschließen. Das gibt es z.B. die „Ohnmachtshypothese“ gepaart mit „Missverständnissen zwischen Pilot und C-Pilot“ über den Zeitpunkt der Einleitung des Sinkflugs zur Landung in Düsseldorf.
Man muss der Fluggesellschaft und den für die Aufklärung des Vorfalls Verantwortlichen ihre Zurückhaltung über Kausalannahmen zugute halten, ist es doch sehr verlockend, wenn ein „verrückter Pilot“ an Bord den Mythos der supersicheren deutschen Technik erhalten würde.
Nicht so den Fachkollegen: Ich hätte nicht gedacht, dass sich psychiatrische Fachvertreter (hier Prof. Manfred Wolfersdorf ) und eine bisher ernst zu nehmende Ständezeitschrift an der Hexenjagd auf den Co-Piloten Andreas L. und seiner Familie beteiligen.


Dr. phil. Detlef Bunk,
Psychol. Psychoth.
Essen
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[28.03.2015, 06:35:22]
Christine Noack 
Krankschreibung online
Das vier-Augen-Prinzip ist notwendig, wenn nicht schon überfällig.
Können Krankschreibungen im Zeitalter der High-Tech in Berufen der öfentlichen Verkehrsmittel und sonstigen Berufen, in denen Menschen schwerwiegende Verantwortung für Mitmenschen tragen, nicht online-direkt an die Arbeitgeber geleitet werden, aufgrund der Ärztlichen Schweigepflicht natürlich ohne Diagnose? NAme, Code, ID-Nummer, o.ä. könnten diese Arbeitnehmer in den Belegplänen rot erscheinen lassen...es gibt heutzutage eine so grosse Datenverarbeitungsmöglichkeit und Datenverknüpfung.... zum Beitrag »

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