Ärzte Zeitung, 08.07.2015

Psychische Erkrankungen

Hälfte der gesunden Lebenszeit geht verloren

Depression, Alzheimer, Kopfschmerzen, Sucht - sorgen zusammen mit Rückenschmerz bereits weltweit für die meiste in Krankheit verbrachte Lebenszeit.

Von Thomas Müller

Hälfte der Lebenszeit geht verloren

Mentale Krankheiten bekommen noch immer nicht die nötige Aufmerksamkeit.

© Tatiana Morozova / iStock / Thinkstock

NEU-ISENBURG. Die Bevölkerung wächst global weiterhin sehr stark, zugleich steigt die Lebenserwartung auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Es überrascht daher wenig, wenn damit die Zahl der in Krankheit verbrachten Lebensjahre global zunimmt - von weltweit 538 Millionen im Jahr 1990 auf 765 Millionen im Jahr 2013. Das geht aus einer aktuellen Veröffentlichung der "Global Burden of Disease Study" (GBD) 2013 hervor.

Forscher um Professor Theo Vos von der Universität in Seattle im US-Staat Washington haben dafür unzählige Studien, Umfragen und Gesundheitsreports aus der ganzen Welt ausgewertet (Lancet 2015; online 7.Juni).

Große Zuwächse bei psychiatrischen Leiden

Ein erheblicher Teil des Zuwachses an Krankheitsjahren geht auf das Konto psychiatrischer Erkrankungen, berichten die Forscher in ihrem aktuellen Update. Zusammen mit Muskel- und Gelenkerkrankungen verursachen Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen mittlerweile rund die Hälfte aller verlorenen gesunden Lebensjahre.

 Zugleich werden neurologische Leiden wie Schlaganfall und neurodegenerative Erkrankungen auch in Entwicklungs- und Schwellenländern immer häufiger beobachtet. So hat sich die absolute Zahl der jährlichen ischämischen Schlaganfälle zwischen 1990 und 2013 um 60 Prozent erhöht, die der hämorrhagischen Insulte um knapp 80 Prozent.

Immerhin: Die altersstandardisierte Inzidenz ist hier entweder konstant geblieben (hämorrhagischer Infarkt) oder sogar leicht gesunken (ischämischer Schlaganfall).

Dies gilt auch für die Mortalitätsraten bei den meisten Erkrankungen, was ebenfalls den Anstieg der globalen Krankheitszeiten erklärt: Wer an einer Krankheit nicht mehr so schnell stirbt, wird in der Regel eine längere Zeit mit ihr verbringen.

So stieg die Diabetesinzidenz in den 23 untersuchten Jahren um etwa 43 Prozent, die diabetesbedingte Sterberate nahm hingegen nur um 9 Prozent zu.

Für ihren Report haben die Forscher um Vos aus diesem Grund auch die Zahl der Lebensjahre berechnet, die mit den jeweiligen Krankheiten verbracht werden. Diese "years lived with disability" (YLD) geben mehr Einblick in die tatsächliche Krankheitsbelastung als reine Inzidenzen.

So mag ein Schnupfen zwar sehr häufig auftreten, allerdings ist er auch schnell wieder vorbei. Eine Schizophrenie belastet die Betroffenen jedoch meist über den Rest ihres Lebens hinweg.

Nach dieser Betrachtung sorgten Rückenschmerzen 2013 wie auch schon 1990 weltweit am häufigsten für mit Krankheit verbrachte Lebensjahre (72 Millionen im Jahr 2013).

Depression sind inzwischen auf Platz zwei vorgerückt (rund 52 Millionen YLD) und haben die Eisenmangelanämie auf den dritten Platz verdrängt. Migräne findet man an sechster, Angststörungen an neunter und Schizophrenie an elfter Stelle - hier hat sich an der Rangfolge seit 1990 wenig geändert.

Bemerkenswert ist jedoch der Zuwachs der YLD bei der Alzheimerdemenz (plus 92 Prozent) und bei Kopfschmerzen durch Medikamentenmissbrauch (plus 120 Prozent). Sie katapultieren diese Leiden auf die Plätze 21 und 18 der globalen YLD-Rangliste. Nur bei Diabetes (plus 136 Prozent, Platz 7) gibt es einen noch größeren Zuwachs.

Maßnahmen für gesundes Altern gefordert

Auf den ersten zehn Plätzen der YLD-Rangliste gibt es mittlerweile kaum noch Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern - mit Ausnahme der Eisenmangelanämie.

Interessant ist jedoch die Auflistung für Westeuropa und speziell für Deutschland: Zwar ist auch hier die Krankheitsbelastung durch Rückenschmerzen am stärksten, auf Platz zwei folgen jedoch Hörprobleme, dann Nackenschmerzen, Stürze und Diabetes.

Erst auf dem sechsten Platz finden sich Depressionen, gefolgt von Angststörungen, anderen Muskel- und Gelenkerkrankungen sowie Migräne. Auf dem zehnten Platz steht hier bereits Morbus Alzheimer.

"Eine große Zahl von verhinderbaren Ursachen dieses Gesundheitsverlusts, besonders muskuloskeletale, mentale und verhaltensbezogene Erkrankungen, bekommen noch immer nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigen", resümiert Vos.

Es müssten nun verstärkt Anstrengungen erfolgen, Menschen nicht nur am Leben zu halten, sondern sie auch gesund altern zu lassen.

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