Ärzte Zeitung, 18.10.2016

Arztbrief per Software analysieren

Formulierungen zeigen Suizidrisiko

Um ein erhöhtes Suizidrisiko aufzuspüren, schlagen US-Ärzte vor, elektronische Arztbriefe mit einer speziellen Software auszuwerten. Hinweise sollen darin auftauchende Begriffe geben, die die Stimmung des Patienten widerspiegeln.

Von Elke Oberhofer

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Eine Software kann Entlassungsbriefe nach Schlüsselworten scannen und das Suizidrisiko aufdecken.

© ninog / Fotolia

BOSTON. Immer wieder haben sich Experten gefragt, wie sich suizidgefährdete Personen ausfindig machen lassen, um sie einer entsprechenden Intervention zuzuführen. Ein Team vom Massachusetts General Hospital in Boston hat nun vorgeschlagen, den ärztlichen Entlassungsbrief für die Risikobewertung zu nutzen.

Thomas H. McCoy jr. und Kollegen haben dazu ein Tool entwickelt, das auf dem Opinion Mining basiert. Dieses Instrument wird häufig in der Werbebranche verwendet, um Kundenmeinungen zu sammeln und auszuwerten.

Kernstück ist eine Liste von etwa 3000 Begriffen, die subjektive Empfindungen beschreiben. Mit der für die klinische Anwendung adaptierten Software lassen sich elektronische Arztbriefe auf positive oder negative Äußerungen im Hinblick auf den seelischen Zustand des zu entlassenden Patienten screenen.

Dabei filtert das Programm Begriffe wie "traurig", "trübselig" oder auch "angenehm" oder "reizend" heraus und vergibt dementsprechend Wertigkeiten. Wie die Autoren betonen, kann die Software auch Begriffe mit vorangehender Negation, zum Beispiel "nicht glücklich" richtig interpretieren.

Daten von 458.053 Patienten

In die retrospektive Studie flossen die Daten von 458.053 Patienten ein, die zwischen 2005 und 2013 aus dem Massachusetts General Hospital und dem Brigham and Women's Hospital in Boston entlassen worden waren (JAMA Psychiatry 2016; 73(10): 1064-1071). Insgesamt wurden 845.417 Klinikentlassungen registriert.

Diese Daten wurden mit der Sterbestatistik des US Social Security Death Index abgeglichen. Primärer Endpunkt war der Suizid als gesicherte Todesursache. Über durchschnittlich 5,2 Jahre wurden die Patienten nachbeobachtet. In dieser Zeit betrug die Gesamtmortalität 18 Prozent.

Wie McCoy und Kollegen berichten, starben in insgesamt 2,4 Millionen Patientenjahren 0,1 Prozent durch Suizid. Dieses Risiko sank um 30 Prozent, wenn der Arztbrief unterm Strich eine von der Software ermittelte positive Wertigkeit enthielt.

Ein Anstieg um eine Standardabweichung (SD) in der positiven Wertigkeitsintensität war den Forschern zufolge mit einer im Schnitt 20-prozentigen Risikoreduktion verbunden. Umgekehrt stieg das Suizidrisiko um 15 Prozent, wenn die Software den Arztbrief negativ bewertete.

Von den 235 Selbsttötungen traten 77 im ersten Jahr nach der Klinikentlassung auf, 46 im zweiten Jahr. 192 Patienten hatten sich innerhalb von fünf Jahren das Leben genommen.

Weitere Faktoren, die mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergingen, waren männliches Geschlecht, weiße Hautfarbe und die Häufigkeit, mit der sich der Patient im Jahr vor der Klinikeinweisung in Notaufnahmen oder bei niedergelassenen Psychiatern vorgestellt hatte.

Problem: Ärzte bewerten Patienten nicht objektiv

Ein Manko der Studie ist, neben dem retrospektiven Design, dass man nichts Näheres zu den Ärzten wusste, die die Entlassungsbriefe verfasst hatten. Deren persönliches Verhältnis zum Patienten mag die Formulierungen durchaus beeinflusst haben.

Für die Autoren bemerkenswert: Knapp die Hälfte aller Suizidenten in der Studie (48,9 Prozent) hatte zum Zeitpunkt der Klinikentlassung keinerlei psychiatrische Symptome gemäß ICD-9 gezeigt.

"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es sich lohnen kann, über kodierte Parameter hinauszugehen", schreiben McCoy et al. Dies könne Basis für eine besser auf den Patienten abgestimmte Risikostratifizierung und Intervention sein.

In der Studie konnte man mit einer Strategie, die auf das höchste Risikoquartil abzielte, über 50 Prozent der späteren Suizidenten identifizieren. Nahm man die beiden höchsten Quartile in den Fokus, gelang die Identifikation sogar bei 80 Prozent.

In solchen Fällen raten die Autoren zu einem weiteren Risikoassessment, gebahnt etwa durch ein routinemäßiges Telefonat, einen zusätzlichen Brief an den Hausarzt oder einen Zusatztermin in Praxis oder Klinik.

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