Ärzte Zeitung online, 20.01.2017

Kohortenstudie

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. Offenbar fällt es aber schon Kindern schwer, ihre Bewegungsmuster zu ändern.

Von Thomas Müller

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Früh übt sich: Auch bei Kindern sorgt Bewegung für gute Stimmung.

© Karin & Uwe Annas - Fotolia

TRONDHEIM/NORWEGEN. Depressive Verstimmungen sind bei Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren zwar selten, mitunter jedoch problematisch für die weitere Entwicklung. Bislang gibt es für diese Altersgruppe weder etablierte Therapien noch Präventionsmaßnahmen, berichten Psychologen um Dr. Tonje Zahl von der Universität in Trondheim.

In Studien wurde jedoch beobachtet, dass körperlich überaus aktive Kinder von Depressionen weitgehend verschont werden. Möglicherweise könnte also etwas mehr Bewegung vor depressiven Phasen schützen. Jedoch lassen sich Ursache und Wirkung in vielen Studien nicht klar unterscheiden.

So ist eine psychomotorische Verzögerung ein wichtiges Kennzeichen einer Depression bei Kindern, auch liegt es auf der Hand, dass depressive Kinder weniger Lust am Herumtollen verspüren. Es sind daher Longitudinalstudien erforderlich, um herauszufinden, ob der Aktivitätsmangel der Depression vorausgeht oder umgekehrt die Depression die körperliche Aktivität bremst.

Nur wenige sind schwer depressiv

Anhand der "Trondheim Early Secure Study" hat das Team um Zahl einen Versuch unternommen, den zeitlichen Zusammenhang zwischen Bewegung und Stimmung besser aufzuschlüsseln. In der Untersuchung wurden rund 800 Kinder im Alter von sechs Jahren alle zwei Jahre bis zum zehnten Lebensjahr auf Depressionssymptome hin geprüft.

Zudem trugen die Kinder bei den Untersuchungen jeweils eine Woche lang einen Aktimeter, der ihre körperliche Bewegung tagsüber erfasste. Um Depressionssymptome aufzuspüren, wurden die DSM-IV-Kriterien und -Diagnosen adaptiert. Psychologen führten dazu strukturierte Interviews mit Eltern und Kindern.

Wie sich zeigte, hatten die Kinder im Alter von sechs Jahren im Schnitt 0,52 depressive Symptome. Der Wert war zwei Jahre später leicht gesunken (0,46) und mit zehn Jahren wieder auf 0,52 gestiegen. Eine ausgeprägte Depression nach den DSM-IV-Kriterien hatten jedoch nur jeweils zwei bis drei Kinder (0,3–0,4%).

Im Schnitt tollten die Kinder mit sechs Jahren täglich eine Stunde und elf Minuten herum – diese Dauer wurde zumindest aufgrund der Aktimeterdaten als moderate bis hohe körperliche Aktivität gewertet. Daran hatte sich zwei Jahre später nichts geändert, im Alter von zehn Jahren waren es sechs Minuten weniger.

Deutlichere Unterschiede stellten die Forscher bei der körperlichen Inaktivität fest. Keine Bewegung maß das Gerät mit sechs Jahren tagsüber für achteinhalb Stunden, mit zehn Jahren waren es bereits zehn Stunden.

Depressive Symptome mit acht und zehn Jahren korrelierten mit einer geringeren körperlichen Aktivität sowohl zum jeweiligen Zeitpunkt als auch zwei Jahre zuvor, umgekehrt galt dies jedoch nicht: Wer mit sechs Jahren solche Symptome zeigte, bewegte sich anschließend nicht signifikant weniger.

Daher scheint eher ein Mangel an anstrengender Bewegung den depressiven Symptomen vorauszugehen und nicht umgekehrt. Für körperliche Inaktivität gab es jedoch keinen signifikanten zeitlichen Zusammenhang mit depressiven Symptomen.

Stabile Bewegungsmuster

Nach diesen Daten ist für die Stimmung also wenig entscheidend, wie viel Zeit die Kinder ohne große körperliche Bewegung verbringen, sondern allein die Zeit mit einer moderaten bis anstrengenden physischen Aktivität. Wenn ein Kind täglich zwei Stunden herumtollt, macht es offenbar nichts, wenn es sich den Rest des Tages kaum noch bewegt.

Ein weiteres Ergebnis: Kinder, die mit sechs Jahren körperlich besonders aktiv waren, behielten ihren Bewegungsdrang bis zum zehnten Lebensjahr in der Regel bei; umgekehrt blieben auch die trägen Kinder ihrem Verhalten treu.

Bei den depressiven Symptomen war der Verlauf weniger konsistent: Zwar hatten betroffene Kinder im Alter von sechs Jahren auch mit acht und zehn Jahren vermehrt depressive Symptome, doch die Korrelation erwies sich als recht schwach. Die Stimmung lässt sich danach leichter ändern als das Bewegungsmuster.

Letztlich gehen die Studienautoren aber davon aus, dass mehr Bewegung im mittleren Kindesalter durchaus die Stimmung aufhellen und Depressionen vermeiden könnte.

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