Ärzte Zeitung, 26.02.2008

HINTERGRUND

Autoimmunerkrankungen - seltene Ursache von Epilepsie

Von Sabine Stürmer

Schwere fokale Epilepsien können auch von chronischen Entzündungen des Gehirns durch Autoimmunerkrankungen verursacht sein. Mit modernen Untersuchungsmethoden wie der Hirn-MRT ließen sich in den vergangenen Jahren drei Syndrome gut abgrenzen und diagnostizieren: die Rasmussen-Enzephalitis, die limbische Enzephalitis und die NMDA-Rezeptor-Antikörper-assoziierte Enzephalopathie. Die exakte Diagnose, gefolgt von der richtigen Therapie, kann mitunter Leben retten.

"Die Rasmussen-Enzephalitis ist die seit längstem bekannte Enzephalitis nicht infektiöser Ursache, die mit schweren Epilepsien einhergeht", berichtet Privatdozent Christian Bien von der Klinik für Epileptologie in Bonn. Die Krankheit tritt bei Kindern auf, ist aber selten (etwa 1 zu 500 000). Der Gipfel liegt bei sechs Jahren. Die Patienten sprechen kaum auf Antiepileptika an. Typisch ist bei Anfällen ein lang dauerndes Muskelzucken von Arm, Bein oder Gesicht auf einer Seite.

Rasmussen-Enzephalitis zerstört Großhirn-Hemisphäre

Die Erkrankung ist auf eine Großhirn-Hemisphäre beschränkt und zerstört diese innerhalb von Monaten bis Jahren. Die Prognose ist schlecht: Klinisch geht das Krankheitsbild außer mit fokalen epileptischen Anfällen mit progredienten neurologischen Defiziten bis hin zur Hemiparese und Demenz einher. Die Erkrankung kann anhand von Hirn-MRT, EEG, der Anfallsformen, des neurologischen Verlaufes und mit einer Hirnbiopsie inzwischen früh diagnostiziert werden.

Die zytotoxische Reaktion gegen Neurone und Astrozyten wird über die T-Zellen vermittelt. Durch eine langfristige Immuntherapie lässt sich der Verlauf verlangsamen oder gar stoppen. Derzeit sind Immunglobuline die Mittel der Wahl, sagte Bien bei einer Veranstaltung von Eisai in Potsdam. Es wurden auch gute Erfahrungen mit dem Immunmodulator Tacrolimus gemacht, die jetzt in einer Studie überprüft werden.

Ovar-Teratom führt bei jungen Frauen zu Enzephalopathie.

"Wir vergleichen dabei die aussichtsreichsten und wohl verträglichsten Therapie-Optionen: i.v. Immunglobuline und orales Tacrolimus", so Bien. In der Studie werden acht Patienten pro Studienarm behandelt, 14 sind bereits aufgenommen worden. Die Studiendauer beträgt sechs Jahre.

Wird die Rasmussen-Enzephalitis erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt, kommt zur Anfallsbehandlung eine chirurgische Therapie infrage, bei der die erkrankte Gehirnhälfte weitgehend ausgeschaltet wird. "Durch ein kleines Schlüsselloch im Temporallappen erfolgt die Trennung zwischen Großhirn und Hirnstamm sowie beider Hemisphären", sagte Bien.

Eine limbische Enzephalitis bekommen nur Erwachsene

Die limbische Enzephalitis (LE) tritt nur bei Erwachsenen auf. Sie befällt primär das limbische System und kann innerhalb weniger Wochen bis Monate zur Temporallappen-Epilepsie mit Hippokampussklerose, Gedächtnisstörungen und psychischen Auffälligkeiten führen. Die LE kann auch Begleitphänomen eines Tumors sein, meistens bei Lungen-Ca.

Für die Diagnose sind Hirn-MRT, neuropsychologische Diagnostik (Gedächtnistests) und EEG sowie Blut- und Liquoruntersuchungen entscheidend. Unbehandelt kann die LE zu einem Zustand führen, bei dem die Gedächtnisleistungen dauerhaft hochgradig beeinträchtigt bleiben und epileptische Anfälle persistieren. Auch hier kann eine frühe Immuntherapie - monatliche i.v.-Methylprednisolon-Pulse oder i.v. Immunglobuline - möglicherweise den progredienten Verlauf verhindern oder verlangsamen.

Die NMDA-Rezeptor-Antikörper-assoziierte Enzephalopathie scheint vor allem junge Frauen zu treffen. Bien berichtete von einer Analyse bei zwölf Frauen mit der Krankheit. Sie waren alle zwischen 14 und 44 Jahren alt und hatten multiphasische Enzephalopathien mit schweren psychischen Symptomen, Status epilepticus und autonomer Dysfunktion. Im Serum und Liquor dieser Schwerstkranken fanden sich Antikörper gegen Untereinheiten des NMDA-Rezeptors.

Elf der zwölf Frauen wiesen ein Ovar-Teratom auf, sodass dieses Syndrom anscheinend überwiegend mit einer Tumorerkrankung einhergeht, zumal sich kaum T-Lymphozyten finden ließen. Es wird vermutet, dass das Syndrom reversibel durch Antikörper verursacht wird. Denn: Acht der zwölf Patienten erholten sich vollständig nach Teratomresektion, dagegen starben zwei der drei Frauen, die nicht operiert wurden. "Diese Enzephalitis hat also durchweg eine gute Prognose, wenn man sie rechtzeitig erkennt und die Patienten behandelt," so Bien.

FAZIT

Epileptische Anfälle sind, wenn auch selten, auf Autoimmunerkrankungen oder Tumoren zurückzuführen. Dabei sitzt der Tumor nicht im Gehirn sondern etwa in Lunge oder Eierstock. Hinweise auf solche Epilepsieformen gibt das Versagen der Therapie mit Antiepileptika. Die Diagnose wird mit MRT, EEG und Laboruntersuchungen gestellt. Therapie-Optionen sind Behandlungen mit Glukokortikoiden und Immunglobulinen, bei Tumor-assoziierten Formen natürlich auch die Tumor-Op. (eb)

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