Ärzte Zeitung, 06.06.2007

Schlankheitswahn gibt es schon bei Kindern

Hohe Dunkelziffer bei Magersucht / Bereits für Kindergartenkinder ist eine "gute Figur" wichtiges Thema

BERLIN (dpa). Über dicke Kinder wird derzeit viel diskutiert. Dabei wird offensichtlich unterschätzt, wieviele Magersüchtige es auf der anderen Seite gibt.

Die TV-Moderatorin Enie van de Meiklokjes wirbt für die Aktion WaageMut, die über Anorexie aufklärt. Foto: dpa

Dem Gewichtsproblem des bundesdeutschen Nachwuchses hat sich sogar die Bundesregierung angenommen. Sie will mit einem Aktionsplan gegen die überflüssigen Pfunde der Kleinen vorgehen. "Wir dürfen aber nicht den Fehler machen und nur auf die dicken Kinder gucken", meint dagegen die Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner.

Die 34-Jährige ist Verbraucherbeauftragte der Unionsfraktion. Mit dem Thema Anorexie beschäftigt sie sich, seit die Mutter eines magersüchtigen Mädchens in ihre Sprechstunde kam. "Sie war ganz verzweifelt, weil ihre Tochter durch die öffentliche Debatte um dicke Kinder noch mehr abnehmen wollte." Das war vor zwei Jahren. Damals hatte gerade die grüne Verbraucherministerin Renate Künast eine Diskussion um die Moppel-Kinder angestoßen.

Nach Schätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 100 000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren magersüchtig. Angesichts von fast zwei Millionen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen wirkt diese Zahl relativ gering. Doch die Dunkelziffer liegt nach Ansicht der Experten viel höher, und die Gefahr dieser Krankheit ist nicht zu unterschätzen. So hungern sich 15 Prozent der Magersüchtigen regelrecht zu Tode. Auch in der aktuellen Debatte um gesunde Ernährung kommt Magersucht nach Meinung von Klöckner zu kurz. Im Aktionsplan der Bundesregierung werden Anorexie und Bulimie zwar als "große gesundheitspolitische Herausforderung" bezeichnet, finden aber in dem fast zehnseitigen Papier in nur vier Sätzen Erwähnung.

Einseitig geführte Diskussionen verschärften den Magersucht-Druck, warnt auch der Vorsitzende des Bundesfachverbands Essstörungen, Andreas Schnebel. Der "hysterische Umgang mit Gewicht und Essen" führe dazu, dass sich selbst Normalgewichtige zu dick fühlten. Magersucht betreffe zudem nicht mehr nur junge Frauen, sondern auch immer mehr Männer und Kinder. Mittlerweile würden sich schon Kindergartenkinder damit beschäftigen, ob sie eine gute Figur haben, so der Psychologe.

Eine 2005 veröffentlichte Studie der Uni Jena unter Schülern der 3. und 4. Klasse bestätigt, dass der Schlankheitswahn nicht nur Teenager betrifft. Ein Drittel der normalgewichtigen Kinder gab darin an, dass sie lieber dünner wären. Zum Zeitpunkt der Studie versuchten 18 Prozent der Jungen und 19 Prozent der Mädchen abzunehmen. Einfluss auf das Essverhalten der Kinder hatten bei Mädchen vor allem Gleichaltrige und bei Jungen die Kritik der Eltern. Doch: "Es zeigte sich durchweg ein deutlicher Einfluss der Medien auf den Wunsch, dünner sein zu wollen", heißt es in der Studie.

Dass Magersucht stärker in den Blickpunkt der Politiker rückt, dafür will Klöckner sich in diesem Monat im Bundestag bei einer Experten-Anhörung im Ernährungsausschuss werben. Sie appelliert auch an die Modebranche und Fotografen, nicht mehr mit ungesund dünnen Mädchen zusammenzuarbeiten. Auch das Bundesgesundheitsministerium setzt statt auf Verbote lieber auf eine freiwillige Verpflichtung der Modebranche. "Wir müssen realistisch sein", so Klöckner. "Der Staat kann kein Taillenumfanggesetz erlassen."

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