Ärzte Zeitung, 07.03.2008

HINTERGRUND

Kaum Wachstum, späte Pubertät - bei Anorexia athletica bleibt die Gesundheit auf der Strecke

Von Sabine Stürmer

 Kaum Wachstum, späte Pubertät - bei Anorexia athletica bleibt die Gesundheit auf der Strecke

Durch Abmagern versuchen sich einige Skispringer einen Vorteil zu verschaffen.

Foto: Markus Dollinger©www.fotolia.de

Auf der Jagd nach sportlichen Triumphen besteht die Gefahr, dass sich junge Sportler schlank hungern, um bessere Leistungen zu bringen. Ärzte, die Kinder und Jugendliche behandeln, haben gute Chancen, frühe Zeichen einer möglichen Sportanorexie zu erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Eine Anorexia athletica (Sportanorexie) basiert auf einer gewollten Abnahme des Körpergewichts oder des Körperfettanteils zur Leistungssteigerung. Die tägliche Energiezufuhr entspricht dann nicht dem Bedarf. Allerdings kann diese Disbalance auf Trainingsphasen und die Phase einer Sportkarriere begrenzt sein. Die Sportanorexie gilt noch nicht als Essstörung, da bei ihr keine Körperschemastörung wie bei der Magersucht vorliegt. Vielmehr schätzen die betroffenen Sportler ihre Körper und deren Form realistisch ein.

Grenze zu Anorexia nervosa oder Bulimie ist oft fließend Allerdings ist die Grenze zur Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa oft fließend. Gerade bei Frauen, Kindern und Jugendlichen bestehe die Gefahr, dass sich aus der Sportanorexie eine Magersucht entwickle, schreiben Dr. Michaela Tappauf und ihre Kollegen von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz (Monatszeitschrift Kinderheilkunde 9, 2007, 815).

Liegt eine massive Essstörung bei jungen Sportlerinnen vor, sprechen Fachärzte von der Athletinnen-Trias. Sie ist durch die drei Symptome Essstörung, Amenorrhöe und Osteoporose gekennzeichnet. Die Ursache ist bei allen drei Symptomen die gleiche: Durch eine langfristig hohe Trainingsbelastung bei unzureichender Energiezufuhr kommt es zu einer zentralen Störung der hypothalamisch-hypophysären Regelkreise. Mögliche Folgen: verspätete Menarche, verzögerte Pubertät, Amenorrhöe sowie Gelbkörperinsuffizienz.

In der Folge sind Wachstum, Geschlechtsentwicklung und Knochenbildung verzögert oder verringert. Stressfrakturen können auftreten. Auch Bandverletzungen sind häufig. Bei Jungen, die zu viel Leistungssport treiben und in der Zeit des Wachstumsschubs zu wenig essen, können verzögertes Wachstum - das so genannte Stunting - und sogar ein Wachstumsstopp auftreten. Die Zielgröße wird nicht erreicht. Jungen seien davon öfter betroffen als Mädchen, da Mädchen oft schon mit 13 Jahren ihr Längenwachstum abgeschlossen hätten, so Tappauf und ihre Kollegen. Werden die vom Stunting betroffenen Jungen rechtzeitig erkannt und erfolgreich behandelt, kann das Wachstum wieder einsetzen und die Zielgröße noch erreicht werden

Betroffene haben häufig chronische Bauchschmerzen

Erster Hinweis auf eine Sportanorexie können ein starker Gewichtsverlust innerhalb weniger Monate und übermäßige sportliche Aktivitäten sein. Außerdem kann auffallen, dass sich die Jugendlichen extrem mit ihrer Ernährung auseinander setzt. Das "Wie, Was und Wann" hat einen hohen Stellenwert. Oft werden eigene Diäten entwickelt und strikt eingehalten. Liegt bereits eine Essstörung oder eine sportliche Überlastung vor, können chronische Magen- und Darmbeschwerden mit Obstipation, Gastritis und chronischen Bauchschmerzen auftreten. Weitere Hinweise auf eine Sportanorexie können Schwindel, Müdigkeit, Frieren, Knochenbrüche, Bänderverletzungen, vermehrte Infekte und bei Mädchen Menstruationsstörungen sein.

Besteht der Verdacht auf eine Sportanorexie, sollten Wachstum und Entwicklung anhand regelmäßiger Gewichts- und Größenmessungen sorgfältig kontrolliert werden. Da Sportler einen hohen Muskelanteil haben, können sie schon bei einem BMI von 18,5 Symptome der Mangelernährung haben.

Der Körperfettanteil sollte bei mindestens 15 Prozent liegen

Wie viel Körperfett Jugendliche für eine gesunde Entwicklung benötigen, ist unklar. Empfohlen wird aber auf jeden Fall ein Anteil von über 15 Prozent - besonders für Mädchen und junge Frauen. Wichtig ist auch, sich einen Überblick über die Ernährung der Jugendlichen zu verschaffen, also darüber, was, wie viel und wann gegessen wird.

Außerdem sollte geklärt werden, welche Medikamente eingenommen werden. Ärzte sollten dabei besonders auf den Gebrauch von Diuretika oder Laxanzien achten. Unerlässlich ist es natürlich auch zu dokumentieren, wie oft und wie lange Jugendliche trainieren oder sich körperlich verausgaben - dabei sollte auch an "versteckten" Sport gedacht werden. Das ist etwa dann der Fall, wenn Jugendliche mit dem Rad zur Schule fahren. Verhärtet sich der Verdacht auf eine bereits bestehende Sportanorexie, sollte der Kontakt zu einem Fachkollegen oder zu einem auf Essstörungen spezialisierten Zentrum vermittelt werden.

Ziel der Therapie ist die konsequente Einschränkung des Sports oder die Anhebung der Energiezufuhr. Wichtig ist dabei natürlich eine gute Kooperation mit Trainern und den Eltern. Meist ist es nötig, die Trainingsbelastung zu reduzieren, um eine Gewichtszunahme zu erzielen.

Weitere Infos zu Sportanorexie gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention unter www.dgsp.de/wissen_heute/empfehlungen/essstoerungen.html. Infos für Ärzte und Fachkreise zu Essstörungen bietet die Seite www.bundesfachverbandessstoerungen.de

Hinweise auf eine Sportanorexie

Auf eine Anorexia athletica oder Essstörung deuten:

  • Symptome wie Gewichtsverlust, niedriger BMI und Körperfettanteil, Magen-/Darmbeschwerden, Schwindel, Müdigkeit, Frieren, vermehrte Verletzungen und Infekte, erhöhte Blutfette, Elektrolytstörungen, veränderte Hormonspiegel, verzögertes Wachstum, fehlende Geschlechtsentwicklung, Menstruationsstörungen.
  • Hinweise aus der Anamnese: Übermäßige sportliche Aktivitäten, strikte Diäten, Gebrauch von Diuretika/Laxanzien. (stü)

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