Ärzte Zeitung online, 06.08.2008

Wenn das Kind nichts essen will

Von Ingeborg Bördlein

Essprobleme bei Babys und Kleinkindern setzen die Eltern unter starken Druck. Statt das Kind zum Essen zu zwingen, sollten Eltern besser auf Signale achten, die auf Hunger deuten.

Ein Löffel für Lea, einer für Mama... Das klappt nicht immer so: Oft wird Essen zur Machtprobe.

Foto: Oleg Kozlov© www.fotolia.de

Für manche Eltern ist die Ernährung des Nachwuchs ein täglicher Kampf: Das Kleinkind dreht den Kopf weg, presst den Mund zusammen oder lässt die Milch einfach wieder herauslaufen. So wird jede Mahlzeit zur Tortur für Eltern und Kind.

Wenn Babys partout nicht trinken wollen, Kleinkinder kaum feste Nahrung zu sich nehmen, die Mahlzeiten sich lange hinziehen und solche Probleme länger als einen Monat bestehen, dann sollten Ärzte und Eltern eine frühkindliche Fütterungsstörung in Betracht ziehen.

Manchmal haben Kinder mit Fütterungsproblemen auch ein provokatives und wählerisches Essverhalten, etwa, wenn ältere Kinder nur auf dem Arm der Mutter essen wollen oder wenn sie ausschließlich Kekse und Brei akzeptieren. Oder die Kinder sind unruhig und geben keinerlei Hungersignale. Die Eltern stehen dann unter einem enormen Druck, hat Dr. Consolata Thiel-Bonney beim Ess-Störungstag am Zentrum für Psychosoziale Medizin in Heidelberg berichtet.

Aus Angst bieten die Eltern ständig etwas zu Essen an und versuchen schließlich mit Druck und Zwang, das Kind zum Essen zu bringen.

Die Folge: Das natürliche Empfinden für Hunger und Sättigung beim Kind ist ebenso gestört wie die Interaktion zwischen Eltern und Kind. Solche Störungen können vorübergehend sein. Doch bei bis zu zehn Prozent der Kinder werden sie chronisch und nicht selten kommt es sogar zu Wachstumsstörungen.

Am Anfang der Diagnostik steht die kinderärztliche Untersuchung. Liegen mundmotorische Einschränkungen oder gastrointestinale Probleme vor? Bei Frühgeborenen sind oft traumatische Erfahrungen durch Beatmung oder Sondenernährung Grund für die Essprobleme. Ist das Kind auf einem altersgemäßen Entwicklungsstand und wie gehen Eltern und Kind miteinander um? Das sind wichtige Fragestellungen. Als Hilfestellung für Eltern rät die Heidelberger Therapeutin:

  • Eltern sollten eine klare Struktur des Tagesablaufs berücksichtigen
  • Bei den Mahlzeiten ist auf feste Zeiten mit Nahrungspausen dazwischen zu achten.
  • Mahlzeiten und Spielphasen sind klar voneinander zu trennen
  • Ablenkung beim Essen, Druck oder Zwang zum Essen sollten möglichst gemieden werden.

Ganz wichtig: Das Kind soll wieder lernen, aktiv und selbstbestimmt zu essen. Thiel-Bonney rät Eltern, dem Kind die Entscheidung zu überlassen, wie viel es essen kann und will. Eltern sollten bewusst auf Signale der Kinder achten, die auf Interesse am Essen deuten. Sind diese nicht vorhanden, sollte eine Mahlzeit nicht forciert weiter geführt werden.

Ist die Fütterungsstörung traumabedingt, rät die Therapeutin, häufig kleine Mengen an Nahrung anzubieten. Die Kinder sollen dadurch wieder ans Essen gewöhnt werden. Dauert die Störung länger als drei Monate, empfiehlt sie die Überweisung in eine Spezialsprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. In der Heidelberger Spezialambulanz wird etwa zur Diagnostik und Therapie unterstützend mit Videoaufnahmen gearbeitet.

Um die alltägliche Fütterungssituation zu Hause abzubilden, werden die Eltern aufgefordert, diese mit Video festzuhalten. So können Signale von Hunger und Sättigung, die oft für Eltern nur schwer zu erkennen sind, im Bild festgehalten werden. Besprochen wird dann, wie Eltern passend und ohne Druck auf die kindlichen Essenswünsche oder Pausensignale reagieren können.

Ein wichtiger Aspekt der Behandlung ist die Unterstützung der Mütter und Väter. Mit dem anhaltenden Nicht-Essen-Wollen ihres Kindes geraten sie immer mehr in eine Gefühlsmischung aus Angst, Kontrolle und Ärger, die eine entspannte Mahlzeit kaum noch möglich macht, sagte Thiel-Bonney: "Die Eltern brauchen das Vertrauen, dass ihr Kind zunehmend und angstfrei in der Lage sein kann, Hunger und Sättigung und damit auch die Nahrungsaufnahme selbst zu regulieren".

Weitere Infos: Spezialambulanz für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, Universitätsklinikum Heidelberg, Institut für Familientherapie, Bergheimerstr. 54, 69115 Heidelberg, Tel: 0 62 21 / 56 47 01.

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