Ärzte Zeitung, 12.10.2009

Interview

Es geht darum, kognitive Flexibilität zu trainieren

Bei Anorexie-Patientinnen ist die kognitive Flexibilität offenbar eingeschränkt. Für die Therapie eröffnet diese neue neurobiologische Erkenntnis die Möglichkeit, Verhaltenswechsel zu trainieren.

Ärzte Zeitung: Welche praktischen Konsequenzen hat Ihre Studie?

Friederich: Diagnostisch und für die differenzielle Therapieplanung könnte es hilfreich sein, wenn man das Ausmaß der eingeschränkten kognitiven Flexibilität objektiv erfasst. Es ist ja nicht so, dass bei allen anorektischen Frauen dieser Netzwerk-Pfad eingeschränkt war. Um den Schweregrad der Rigidität zu erfassen, sollten die Patientinnen weitergehend neuropsychologisch untersucht werden. Frauen mit deutlich eingeschränkter kognitiver Flexibilität könnten gezielt trainiert werden.

Ärzte Zeitung: Wie sieht ein solches Training aus?

Friederich: Entsprechende Trainingsprogramme existieren ja schon für Patienten mit eingeschränkten kognitiven Hirnfunktionen, etwa nach Hirnverletzungen. Da werden bestimmte Defizite ganz systematisch trainiert. Wir wollen jetzt in einer Pilotstudie zunächst ganz spielerisch mit neuropsychologischen Aufgaben die kognitive Flexibilität und den schnellen Verhaltenswechsel trainieren. Die Patientinnen reagieren etwa auf Pfeile, die in eine Richtung zeigen. Plötzlich ändert sich die Richtung. Auf diese Weise wird der Verhaltenswechsel trainiert. Der Grundgedanke dabei ist, dass bestimmte Bahnen im Gehirn durch regelmäßiges Training wieder aktiviert werden.

Ärzte Zeitung: Versprechen Sie sich davon, dass die Patientinnen wieder essen?

Friederich: Patientinnen mit Magersucht sprechen nur mäßig und zögerlich auf psychotherapeutische Programme an. Wir hoffen, dass eine Umsetzung neurobiologischer Erkenntnisse dazu beiträgt, die Therapie zu verbessern. Dieses Training wäre ein Zusatzmodul vor oder innerhalb des psychotherapeutischen Behandlungsprogramms. In einer aktuellen Studie untersuchen wir die Effektivität dieses Programms.

Das Gespräch führte Ingeborg Bördlein.

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