Donnerstag, 17. April 2014
Ärzte Zeitung, 12.01.2007

HINTERGRUND

Halluzinationen bei M. Parkinson? Dann ist das Demenzrisiko hoch

Von Thomas Meißner

Demenzen und psychotische Syndrome kommen bei Parkinson-Patienten häufiger vor, als bislang angenommen. Das wird jetzt durch Untersuchungen aus Deutschland und Skandinavien bestätigt: Bis zu zwei Drittel aller Parkinson-Patienten entwickeln im Krankheitsverlauf zusätzlich neuropsychiatrische Störungen.

Die Verhaltensstörungen und Demenz-Symptome sind zunächst sehr diskret und auch nicht vergleichbar mit denen bei Alzheimer-Demenz, hat Professor Rudolf F. Töpper von der Asklepios Klinik Harburg in Hamburg berichtet.

Charakteristisch seien Beeinträchtigungen der Exekutivfunktion: Es fällt den Patienten zunehmend schwer, für Alltagsprobleme Lösungsstrategien zu entwickeln, Gesprächsthemen zu wechseln und zielgerichtet zu handeln. Komplexe Aufgaben, die räumliches Denken oder eine gewisse Orientierungsfähigkeit verlangen, etwa im Straßenverkehr, sind kaum noch oder gar nicht mehr zu bewältigen, sagte Töpper auf einer Veranstaltung von Novartis in Frankfurt am Main.

Auch visuelle Halluzinationen können dann auftreten auf. Davon können sich die Patienten anfangs noch distanzieren, etwa wenn sie eine Person im Fernsehsessel sitzen sehen, von der sie wissen, dass sie gar nicht da sein kann. Später werden die Halluzinationen allerdings wahnhaft verarbeitet. Gerade ein Wechsel der Umgebung, etwa eine Reise, könne solche Symptome auslösen, berichtete Dr. Ilona Csoti vom Parkinson Zentrum Biskirchen.

Depressionen sind bei Parkinson häufiger als bei Alzheimer

Dagegen fehlen bei Parkinson-Kranken meist Alzheimer-typische Symptome wie Aphasie, Apraxie oder Agnosie. Zudem kommen Depressionen deutlich häufiger vor als bei Alzheimer-Patienten.

      Parkinson-Kranke haben ein sechsfach erhöhtes Demenzrisiko.
   

Wie häufig neuropsychiatrische Störungen tatsächlich sind, hat die kürzlich veröffentlichte GEPAD-Studie (German Study on Parkinson’s Disease with Dementia) verdeutlicht. 500 niedergelassene Neurologen und Nervenärzte im gesamten Bundesgebiet hatten an einem Stichtag bestimmt, wie viele ihrer Parkinson-Patienten demenzielle und psychische Störungen, etwa Depressionen, aufweisen. Insgesamt waren 1326 Parkinson-Patienten erfasst worden (Akt Neurol 33, 2006, 374).

Demnach hatten 40 Prozent der untersuchten Patienten Demenz-typische, 37 Prozent depressive und 20 Prozent psychotische Symptome. Zudem wurde eine klare Altersabhängigkeit festgestellt. So lag die Demenz-Rate bei den unter 65-Jährigen bei 17 Prozent, bei den über 76-Jährigen dagegen bereits bei 67 Prozent.

Nach 13 Erkrankungsjahren hat die Hälfte eine Demenz

Auf ähnliche Zahlen kamen in der Vergangenheit auch andere Studien: So hatte in einer skandinavischen Untersuchung jeder dritte Parkinson-Patient nach neunjähriger Erkrankungsdauer eine Demenz. Nach 13 Erkrankungsjahren waren es 50 Prozent und nach 17 Jahren 80 Prozent der Patienten (Arch Neurol 60, 2003, 387). Das bedeute nicht, dass alle Parkinson-Patienten irgendwann eine Demenz bekommen, sagte Töpper. Aber es sei davon auszugehen, dass bei Parkinson-Patienten eine Demenz sechsmal häufiger auftritt als durchschnittlich in der Bevölkerung.

Besonders Demenz-gefährdet seien Parkinson-Patienten, bei denen die Krankheit erst in einem hohen Alter ausbricht, in deren Familien gehäuft Demenz-Erkrankungen vorkamen sowie Patienten mit schweren motorischen Symptomen und Depressionen. Auch Patienten, bei denen die dopaminerge Therapie Psychosen auslöst, hätten ein hohes Demenzrisiko.

Ein Problem ist jedoch die Frühdiagnostik. Die Patienten selbst erwähnen zu Beginn einer Demenz höchsten Konzentrations-Probleme, sagte Csoti. Partner oder Angehörige beklagten die zunehmende Apathie und Interesselosigkeit der Parkinson-Patienten, was oft an einer Depression liege. Csotis Rat: Man sollte den Berichten der Angehörigen genau zuhören. Denn ihre Klagen ändern sich mit der Zeit: das Gedächtnis werde schlechter, die Patienten könnten sich nicht mehr freuen und unterhalten sich kaum noch.

Weil die Frühdiagnostik so schwierig ist, befürwortet Csoti das Screening mit PANDA und Uhrentest aller über 65-jährigen Parkinson-Patienten einmal jährlich. PANDA (Parkinson Neuropsychometric Dementia Assessment) ist ein validierter Test, der speziell für Parkinson-Demenz entwickelt wurde.

Man müsse mithilfe solcher Tests auch die Chance nutzen, frühzeitig medikamentös einzugreifen, damit die Patienten so lange wie möglich im Alltag zurechtkommen, sagte Csoti.

Einziges derzeit zugelassenes Medikament bei bei leichter bis mittelschwerer Parkinson-Demenz ist Rivastigmin (Exelon®).

FAZIT

Neuropsychiatrische Störungen kommen bei Parkinson-Kranken überdurchschnittlich oft vor. Nach Daten einer deutschen Studie haben 40 Prozent der Patienten Demenz-Symptome, ein ähnlich hoher Anteil ist depressiv. Die Wahrscheinlichkeit für eine Demenz oder für psychische Störungen steigt mit dem Lebensalter sowie mit der Erkrankungsdauer. Die Frühdiagnostik ist diffizil. Zudem unterscheiden sich die Symptome von denen einer Alzheimer-Demenz. Hilfreich bei der Früherkennung ist der PANDA-Test. (ner)

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