Ärzte Zeitung, 25.10.2007

HINTERGRUND

Die Hirnstimulation lindert nicht nur Akinesen und Dystonien - sie lässt auch schwer depressive Patienten wieder lächeln

Von Thomas Müller

 Die Hirnstimulation lindert nicht nur Akinesen und Dystonien - sie lässt auch schwer depressive Patienten wieder lächeln

Tiefenhirnstimulation bei Parkinson. Hier wird oft der Nucleus subthalamicus gereizt.

Foto: Medtronic

Es sind Geschichten wie die einer schwer depressiven Frau, die aufhorchen lassen: Jahrelang verbrachte sie in einem Heim im Bett, unfähig am Leben teilzunehmen, keine Therapie half. Schließlich wurden ihr Elektroden ins Hirn implantiert. Noch während der Op schalteten die Ärzte den Strom ein. Die Frau fühlte sich plötzlich leichter, der bleierne Schleier war verschwunden. "Eine so schnelle Wirkung kann man sonst bei keiner antidepressiven Therapie beobachten", berichtet Professor Malek Bajbouj von der Charité in Berlin.

Menschen, die im Rollstuhl saßen, können wieder laufen

Ein schwacher Strom an der richtigen Stelle im Gehirn wirkt offenbar Wunder: Depressive können erstmals seit Jahren wieder lächeln, Menschen, die aufgrund furchtbarer Dystonien im Rollstuhl saßen, laufen wieder umher und Patienten, die von ihren Zwängen beherrscht werden, gewinnen die Kontrolle über sich zurück. Überraschend stellen Ärzte fest, dass die Tiefenhirnstimulation (THS) nicht nur fehlerhafte Motorik, sondern auch unkontrollierbare Gefühle und Empfindungen ins Gleichgewicht bringt.

So ließen sich in kleinen Pilot-Studien mit dem Verfahren etwa zwei Drittel der Patienten aus ihrer schweren Depression holen. Noch gibt es allerdings nur wenig Erfahrung mit der THS bei psychischen Erkrankungen. Weltweit sind etwa 50 Depressive mit THS dokumentiert, und ähnlich viele Patienten mit schweren Zwangsstörungen oder mit Tourette-Syndroms haben einen Hirnschrittmacher erhalten, berichtet der Neurochirurg Professor Erlick Pereira aus Oxford in einer aktuellen Analyse (Expert Rev Med Devices 4, 2007, 591).

Dies wird sich in Zukunft jedoch rasch ändern, nicht zuletzt aufgrund von Studien, die jetzt in Deutschland begonnen wurden. So wollen Bajbouj und seine Kollegen von der Charité die THS jetzt in einer Studie mit 15 schwer Depressiven prüfen. Dafür werden noch Patienten mit therapierefraktären Depressionen gesucht (Infos unter Tel.: 0 30 / 84 45 86 23).

Wo bei Depression stimuliert werden soll, ist oft noch unklar

Unklar ist aber, wo eine Stimulation bei Depressiven den besten Erfolg hat. Die Berliner Ärzte stimulieren im vorderen Cingulum, einer Region, die bei Depressiven überaktiv ist. Eine Gruppe um Professor Volker Sturm aus Köln und Professor Thomas Schläpfer aus Bonn setzt dagegen in einer zweiten deutschen Studie auf den Nucleus accumbens, einer zentralen Struktur im Belohnungssystem.

Sollten solche Studien erfolgreich verlaufen, könnte die THS bei Depressionen bald einen ähnlichen Stellenwert erlangen wie bei Parkinson und Tremor, vermutet Bajbouj. Sturm ist dagegen etwas vorsichtiger: "Die THS bei Depression ist viel komplexer als bei Parkinson. Wir sehen bei fast jedem Patienten gute Anfangserfolge, nach wenigen Wochen kommt es aber oft wieder zu Verschlechterungen."

Haben Parkinson-Kranke trotz Medikation schwere motorische Komplikationen, ist die THS dagegen längst Mittel der Wahl. Hier stellt sich die Frage, ab wann operiert wird. "In Deutschland oft zu spät", sagt der Neurologe Professor Günther Deuschl aus Kiel. Er rät zur THS, wenn die Symptome trotz Arzneitherapie so schwer werden, dass die Patienten etwa nicht mehr ins Kino gehen, weil sie Angst haben, dort in eine Phase schlechter Beweglichkeit (Off-Phase) zu kommen. Werde dann mit der THS gezögert, geraten die Patienten immer mehr in soziale Isolation. In einer deutsch-französischen Multicenterstudie (EARLY-STIM) wird jetzt geprüft, ob eine THS in einem früheren Parkinson-Stadium als bisher nicht nur Motorik und Lebensqualität verbessert, sondern auch den sozialen Abstieg verhindert. Und Deuschl hofft, dass EARLY-STIM auch Hinweise darauf gibt, ob eine frühe THS die Progression der Erkrankung verzögern kann.

Vielleicht ist dazu eine neue Generation von Stimulatoren nötig. Der Neurochirurg Sturm prüft zusammen mit Professor Peter Tass aus Jülich bei Parkinson- und Tremor-Patienten jetzt ein neues Verfahren. Die als "koordinierter Reset" bezeichnete Methode verwendet spezielle Algorithmen. Mit ihnen sollen pathologische Nervensignale nicht nur wie bei konventioneller THS gestört, sondern korrigiert werden. Die Neurone werden dazu gebracht, wieder normal zu arbeiten - ähnlich wie durch den Neustart ein Computer, der hängen geblieben ist. Erste klinische Tests sind vielversprechend: Wurde das Gerät nach drei Tagen Stimulation ausgeschaltet, hielt der Effekt zum Teil mehrere Tage an. Bei konventioneller THS kehren die Symptome dagegen sofort nach dem Abschalten des Gerätes zurück. Sturm hofft, eines Tages mit dem System Synapsen so umzubauen, dass eine funktionelle Heilung möglich ist. In den Test erhielten die Teilnehmer nach drei Tagen aber einen konventionellen Stimulator: Der neue Generator ist für die Implantation noch zu groß.

INTERVIEW

"Wir geben den Patienten ihren Willen zurück"

Der Neurochirurg Professor Volker Sturm aus Köln will mit der THS psychisch schwer Kranken die Kontrolle über ihr Leben zurückgeben.

Ärzte Zeitung: Ist es nicht ein starker Eingriff in die Persönlichkeit, wenn man bei psychisch Kranken per Knopfdruck die Stimmung manipuliert?

Professor Volker Sturm: Es ist umgekehrt: Patienten mit schweren Depressionen und Zwängen werden von ihrer Krankheit manipuliert, und zwar massiv. Ein schwer depressiver Mensch hat keinen Antrieb mehr, der kann sich auch nicht mehr frei entscheiden. Mit der Hirnstimulation versuchen wir, solche Patienten in eine Situation zu bringen, in der sie wieder selbst entscheiden können, in der sie einen freien Willen haben.

Ärzte Zeitung: Könnten in Zukunft nicht auch Gesunde eine Hirnstimulation erwägen, etwa um Stimmung, Kreativität und Kognition zu verbessern?

Sturm: Theoretisch wäre das machbar. Das ist aber eine Horrorvorstellung. Allerdings können Sie auch jetzt schon mit Psychostimulanzien die geistige Leistungsfähigkeit enorm steigern. Das Gleiche könnten Sie auch mit Hirnelektroden machen. Das wäre aber viel schwieriger und nicht so effektiv. (mut)

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