Ärzte Zeitung online, 05.02.2010
Parkinson
geht durch den Magen
Erstmals konnte in einem Tiermodell mithilfe eines
Pestizides der natürliche Verlauf der Parkinson-Krankheit
nachgeahmt werden. Das lässt darauf schließen, dass
die Krankheit im Darm beginnt, ausgelöst durch toxische
Substanzen oder Pathogene.

Offenbar kann das Gehirn auf Toxine aus dem Darm empfindlich reagieren. © James Steidl / fotolia.com
Von Thomas Müller
DRESDEN. Noch immer ist es ein
großes Rätsel, weshalb etwa ein bis drei Prozent der
Menschen über 65 Jahre an Morbus Parkinson erkranken. Zwar hat
man den Verlauf der Erkrankung inzwischen gut charakterisiert und
weiß, wann welche Zellgruppen wo im Nervensystem zugrunde
gehen, man hat Gene entdeckt, die eine Erkrankung begünstigen
und Genmutationen, die bei einigen wenigen Patienten die Krankheit
tatsächlich auslösen. Bei dem großen Teil
der Patienten mit sporadischem Morbus Parkinson haben Forscher bislang
aber schlicht keine Ahnung, was den Prozess in Gang bringt.
Eine deutsche Arbeitsgruppe an der TU Dresden hat nun etwas
mehr Licht ins Dunkel gebracht: Erstmals konnten Forscher die
Progression der Erkrankung, wie sie bei Menschen auftritt, auch im
Tiermodell simulieren (Plos One, 5/1, 2010, e8762) Das
Erstaunliche dabei: Den Forschern gelang dies mithilfe eines
Pestizides, das per Magensonde appliziert wurde, aber nicht ins Blut
gelangte. Dies lässt darauf schließen, dass auch bei
Menschen Parkinson durch den Magen geht und von Toxinen, Pathogenen
oder pathologischen Stoffwechselprozessen im Magen-Darmtrakt getriggert
wird.
Störung der Zellatmung als Auslöser vermutet
Für ihre Versuche hatte die Arbeitsgruppe um Dr.
Francisco Pan-Montojo das natürlich vorkommende Pestizid
Rotenon verwendet. Der mit Isoflavonen verwandte Pflanzenstoff aus der
indonesischen Tubawurzel hemmt sehr effektiv die mitochondriale
Zellatmung. Störungen der Mitochondrienfunktion werden schon
seit längerem als Auslöser für Parkinson auf
zellulärer Ebene diskutiert. Bekannt ist auch, dass Rotenon im
Tierversuch Parkinson-Symptome auslösen kann. Damit kommt es
ebenso wie bei Menschen mit Parkinson zu einem Verlust dopaminerger
Neurone in der Substantia nigra im Gehirn - und genau darauf beruhen
die motorischen Störungen.
Allerdings hörten damit in Tierversuchen schon die
Gemeinsamkeiten zum humanen Parkinson auf, denn bei Menschen sind auch
viele anderer Bereiche des Nervensystems betroffen. So werden die
Parkinson-typischen Lewy-Körperchen - also Aggregate aus
verklumptem α-Synuclein - auch im enteralen Nervensystem, im
Riechkolben, in Ganglien des peripheren Nervensystems, im
Rückenmark und mehreren Hirnkernen gefunden. Dies war jedoch
nicht in derselben Weise bei Mäusen mit Rotenon der Fall, auch
nicht bei Tieren, denen man MTPT gegeben hatte - eine Substanz, die
gezielt dopaminerge Neurone schädigt.
Neuroanatomen wie Professor Heiko Braak aus Frankfurt/Main
sehen daher Parkinson nicht primär als motorisches Leiden,
sondern als Multisystemerkrankung, die sich über das enterale
und limbische Nervensystem schließlich in motorische Bereiche
ausbreitet. So treten etwa Obstipation, Riechstörungen und
Depressionen schon lange vor den Kardinalsymptomen Akinese, Rigor und
Tremor auf. Der Begriff Ausbreiten ist dabei nach Braaks Hypothese
wörtlich zu nehmen. So fällt auf, dass nur bestimmte,
miteinander verbundene Nervenzellen Lewy-Körperchen
entwickeln, nicht aber andere direkt benachbarte. Offenbar schleicht
die Krankheit über die Peripherie entlang bestimmter
Nervenbahnen langsam ins Gehirn. Genau das scheinen nun die
Tierversuche der Dresdner Forscher zu bestätigen.
Anders als in früheren Experimenten, in denen Rotenon
injiziert wurde, achteten Pan-Montojo und seine Mitarbeiter darauf,
dass das Toxin nicht ins Blut der Tiere gelangte, sondern nur
über den Magen in Kontakt trat. Tatsächlich konnte
während der eineinhalb bis drei Monate dauernden
Magensonden-Applikation kein Rotenon im Serum nachgewiesen werden - und
trotzdem erkrankten die Mäuse. Gewebeuntersuchungen zeigten
dabei praktisch dieselbe Verteilung von
α-Synuclein-Aggregaten wie bei Menschen - mit Ausnahme des
Riechkolbens - die Nase hatte im Versuch ja keinen Kontakt mit Rotenon.
Wie bei Menschen bildeten sich die Proteinaggregate entlang einer Linie
von synaptisch verbundenen Nervenzellen, die sich vom enteralen
Nervensystem des Darms über das Rückenmark in diverse
Hirnkerne und schließlich auch in die Substantia nigra zog.
Und wie bei humanem Parkinson zeigten sich in den betroffenen Zellen
typische Entzündungsreaktionen.
Ist oxidativer Stress in Darmneuronen der Trigger?
Wie es genau zu der Ausbreitung über den Darm kommt,
ist nach wie vor unklar. Vermutet wird, dass Rotenon durch
Störung der Zellatmung die Phosphorylierung und damit die
Aggregation von α-Synuclein in Gang setzt. Toxische
α-Synuclein-Oligomere könnten dann über die
Synapse in verbundene Nervenzellen wandern. Dies werde gerade
geprüft, so der Forscher zur "Ärzte Zeitung". Dass
Rotenon selbst durch das periphere Nervensystem ins Hirn wandert, sei
dagegen fast ausgeschlossen. Die lipophile Substanz würde sich
wenn, dann eher gleichmäßig über
Zellmenbranen im benachbarten Gewebe ausbreiten, statt zielgerichtet
nur durch bestimmte Neuronengruppen zu wandern, vermutet der Forscher.
Unklar bleibt auch, was bei Menschen im Darm die Erkrankung
triggern könnte, schließlich hat nicht jeder
Parkinson-Kranke Kontakt mit Pestiziden. Pan-Montojo vermutet, dass
dies vor allem Substanzen und Prozesse sind, die freie Radikale
produzieren und somit - ähnlich wie Rotenon - für
oxidativen Stress in den Zellen sorgen. Diese Substanzen
könnten sowohl aus der Nahrung stammen, als auch von
Darmpathogenen freigesetzt werden. In ähnlicher Weise
könnten auch Substanzen, die per Nase eingeatmet werden, die
Krankheit auslösen.
Auch wenn noch vieles rätselhaft bleibt, immerhin
wissen Forscher jetzt etwas genauer, wo sie suchen müssen.

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