Ärzte Zeitung online, 12.06.2010
Embryonale Stammzellen: Turbolader für den Zell-Neustart
MÜNSTER (eb). Deutsche Wissenschaftler haben es geschafft,
mit einem neuen Verfahren die Ausbeute an embryonalen Stammzellen, die
durch Verjüngung etwa von Hautzellen entstehen, deutlich zu
erhöhen. Damit wird die Herstellung patienteneigener embryonaler
Stammzellen immer einfacher.

Der Turbogang bei der Verjüngung von Zellen wird durch einen Eiweiß-Komplex (BAF-Chromatin-Remodeling-Komplex) eingelegt. Die Verjüngung von Zellen im Turbogang (unten) ergibt homogenere und kompaktere Zellkolonien, was die an den Faktor Oct4 gekoppelte Fluoreszenz (rechts) gut belegt. Auf den Fotos ist jeweils nur eine Kolonie zu sehen.
© MPI Münster / Nishant Singhal
Wissenschaftler können seit einiger Zeit normale
Körperzellen mithilfe eingeschleuster Gene oder Proteinfaktoren in
Alleskönner-Stammzellen verwandeln. Doch die Ausbeute der
Verfahren ist bislang minimal: Nur etwa eine unter 10 000
Hautzellen wird dabei reprogrammiert, also verjüngt. Ein Team um Professor Hans R. Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster ist
jetzt in Zellen von Mäusen auf eine molekulare Maschine
gestoßen, die den ‚Reset'-Prozess effizienter macht.
Sollten sich die jüngsten Ergebnisse auf die Situation bei
Menschen übertragen lassen, wäre dies ein weiterer wichtiger
Schritt auf dem Weg zu patienteneigenen Stammzellen.
Stammzellen nur mit Hilfe von vier Genen erzeugt
Vor
wenigen Jahren ist japanischen Forscher um Professor Shinya Yamanaka
als Ersten geglückt, was viele Experten zuvor für
unmöglich hielten: Mithilfe gentechnischer Tricks gelang es
ihnen, ausgereifte Hautzellen einer Maus so umzuprogrammieren, dass sie
sich wie embryonale Stammzellen verhalten und wie diese jeden der mehr
als 200 Zelltypen des Körpers bilden können. Diese Zellen
wurden als induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) bezeichnet.
Um sie zu erzeugen, waren weder Eizellen noch Embryonen nötig. Es
genügte, vier Gene mit Hilfe von Retroviren als Gen-Taxis in die
Zellen zu bringen: Oct4, Sox2, c-Myc und Klf4. Kurz darauf zeigte sich,
dass die gleiche Methode auch bei menschlichen Hautzellen funktioniert.
Seither haben sich die Verfahren deutlich verbessert. Längst
kommen Forscher zum Beispiel ohne heikle Gen-Taxis aus, was iPS-Zellen
erheblich sicherer macht. Die vier Schlüsselfaktoren - also Oct4,
Sox2, c-Myc und Klf4 - werden heute als Eiweißmoleküle
zugeführt, nicht mehr ihre Gene.
Bis zur Zellernte vergehen bis zu vier Wochen
Aber die Prozedur ist nach wie vor mühsam. Nur bei einer von
10 000 Zellen gelingt im Schnitt die Verwandlung. Die wenigen
gelungenen iPS-Zellen müssen aus dem Zellgemisch herausgefiltert
werden. Bis die Forscher pluripotente Zellen ernten können,
verstreichen insgesamt drei bis vier Wochen.
Dabei weiß man seit Längerem, dass es schneller geht.
Etwa, indem man eine Körperzelle mit einer pluripotenten Zelle
verschmilzt: Schon nach einem Tag sind die ersten Zellen
reprogrammiert. Ähnlich effektiv ist auch der Zellkern-Transfer,
dem das Klon-Schaf Dolly seine Existenz verdankte. Bei dem Verfahren
wird der Kern einer Körperzelle in eine zuvor entkernte Eizelle
verpflanzt. Rund die Hälfte der so behandelten Zellkerne ist damit
nach drei bis vier Tagen reprogrammiert. Was dabei in den Zellen
abläuft und den "Reset" beschleunigt, war bislang weitgehend
unklar.
Irgendetwas, vermutete der Biologe Dr. Nishant Singhal aus
Schölers Team, musste also im Innern von Ei- und pluripotenten
Zellen enthalten sein, das den entscheidenden Unterschied macht - und
die Zellkerne wie ein Turbolader auf die Position "Neustart" setzt.
Singhal und seine Kollegen entwickelten deshalb ein Verfahren, mit
dem sie unter allen in pluripotenten Zellen enthaltenen Proteinen jene
identifizieren können, die zur Verjüngung der Zellen
beitragen und die Ausbeute an iPS-Zellen erhöhen. Dabei
stießen sie auf ein Set von Proteinen, das bereits als
Chromatin-Remodeling-Komplex bekannt war.
Zellen von Menschen und Mäusen enthalten Hunderte
unterschiedliche Varianten von diesen Eiweiß-Komplexen. Sie alle
sind molekulare Maschinen, die dazu dienen, je nach Bedarf bestimmte
Abschnitte der Erbgut-DNA für Transkriptionsfaktoren
zugänglich zu machen. Diese Gruppe von Eiweißmolekülen
schalten einzelne Gene spezifisch an oder ab.
Ausbeute an Stammzellen ist viel höher als bisher
Tatsächlich ist das gezielte Verpacken oder Öffnen
bestimmter DNA-Abschnitte ein wichtiger Mechanismus, um die ganz
unterschiedlichen Funktionen der Körperzellen zu steuern und
dafür zu sorgen, dass in jeder Zelle das passende DNA-Programm
läuft.
Forscher um Schöler haben nun erstmals gezeigt, dass bei der
Reprogrammierung der ‚BAF Chromatin-Remodeling-Komplex' von
maßgeblicher Bedeutung ist. Einzelne Komponenten davon - vor
allem die Proteine Brg1, Baf155 und Ini1 - erhöhen signifikant die
Effizienz der Verwandlung von Körperzellen in
Alleskönner-Stammzellen. Mit einer Rate von bis zu 4,5 Prozent
liegt die Ausbeute deutlich höher als bisher. Das war jedoch erst
der Anfang: Denn nun testen die Wissenschaftler aus Münster
weitere Proteine, um den Prozess noch effizienter und schneller zu
machen.

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