Ärzte Zeitung online, 28.12.2011

Stammzell-Therapie aus der Nase

Therapien aus der Nase? Noch ist das Zukunfsmusik, doch Forschern aus Bielefeld ist jetzt ein kleiner Durchbruch gelungen: Sie haben Stammzellen aus der menschlichen Nasenmuschel gezüchtet. Daraus könnten Nerven-, Knochen-, Fett- und Knorpelzellen hergestellt werden.

Forscherteam bereitet Stammzellen aus der Nasenmuschel für die Therapie vor

Stammzellen aus der Nasenmuschel: Die 630-fache Vergrößerung zeigt die Zellkerne (grün) und das Protein Nestin (rot), das typisch ist für Stammzellen.

© Uni Bielefeld

BIELEFELD (eb). Ein Stammzellerfolg ist einem Forschungsteam unter Leitung der Zellbiologin Professor Barbara Kaltschmidt von der Universität Bielefeld gelungen.

Nach Angaben der Forscher ist ein Vorteil des Verfahrens, dass in kurzer Zeit große Mengen von Zellen hergestellt werden können, wie es in einer Mittelung der Universität heißt.

Die Methode kann zum Beispiel dazu beitragen, neue Behandlungen bei akuten und chronischen Verletzungen im Gesicht zu entwickeln (Stem Cells and Development 2011; online 30. November, Eur Cells & Materials 2011; 22: 403-411).

Die Stammzellen ließen sich in der Kulturschale in Zellen mit neuro-ektodermalem und mesodermalem Phänotyp verwandeln, also in Nerven-, Knochen-, Fett- und Knorpelzellen.

Ethisch unbedenklich

Die Forscher betonen, dass die Stammzellen kein teratogenes Potenzial besitzen: Nach Implantation in Mäuse mit geschwächter Abwehrkraft entwickelten sich keine Tumoren.

Die Stammzellen, die die Forscher für ihre neue Methode nutzen, sind adulte Stammzellen, also jene Stammzellen, die sich nach der Geburt im menschlichen Organismus befinden.

Im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen, die aus menschlichen Föten isoliert werden, gelten adulte Stammzellen als ethisch unbedenklich.

Die Wissenschaftler um Kaltschmidt forschen an Stammzellen aus der unteren Nasenmuschel. Diese Zellen sind vom Gliazelltyp und minimalinvasiv sehr leicht zugänglich. Eine weitere Besonderheit: Sie können bis ins hohe Alter von Patienten isoliert und dazu angeregt werden, zu spezialisierten Zellen zu werden.

Die Stammzellen sollen noch wandlungsfähiger werden

Kaltschmidt und ihre Kollegen verwendeten für die Vermehrung der Stammzellen humanes Blutplasma und verzichteten auf tierische Zusatzstoffe.

Bei der Behandlung eines Patienten, wenn etwa neue Haut auf ein Gesicht übertragen werden soll, können so patienteneigene Stammzellen in autologem Blutplasma kultiviert werden.

Das hat den Vorteil, dass der Körper das neue Gewebe nicht abstößt, wie es in der Mitteilung heißt. Hinzu kommt, dass durch die Verwendung des Blutplasmas eine dreidimensionale Matrix entsteht, welche die ursprüngliche Nische der Stammzellen nachahmt.

In weiteren Studien wollen die Forscher nun untersuchen, wie sich die adulten Stammzellen aus der Nase gezielt so umprogrammieren lassen, dass sie noch wandlungsfähiger werden. So sollen die Anwendungsmöglichkeiten für medizinische Zwecke vergrößert werden.

Mit der neuen Methode eröffnen sich den Wissenschaftlern zufolge neue Chancen für Behandlungen bei Verletzungen und Krankheiten.

Potenzial bei Demenz oder Parkinson

So könnten die Stammzellen zum Beispiel in der Chirurgie genutzt werden, um nach Verbrennungen oder Schnittverletzungen ein Gesicht mit neu kultivierten Haut-, Knochen- und Nervenzellen wieder herzustellen.

Auch könnten die Stammzellen künftig genutzt werden, um Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Alzheimer-Demenz zu behandeln.

An der Entdeckung der Stammzellen waren außer den Forschern vom Lehrstuhl für Zellbiologie der Universität Bielefeld auch Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für molekulare Medizin in Münster sowie die Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Klinikums Bielefeld und das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen beteiligt.

Zusätzlich trugen Wissenschaftler der Fakultät für Physik der Universität Bielefeld zu den Forschungsergebnissen bei.

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