Ärzte Zeitung, 24.09.2007

Vorteil früher MS-Therapie hält Jahre an

Patienten, die gleich nach dem ersten Schub Interferon erhalten, haben langfristig weniger neurologische Schäden

BERLIN (mut). Bereits nach einem ersten für Multiple Sklerose (MS) typischen demyelinisierenden Ereignis sollte mit einer Interferon-Therapie begonnen werden. Denn so kann das Fortschreiten der neurologischen Schädigung verzögert werden. Das belegen jetzt neue Daten zur Therapie mit Interferon beta-1b. Patienten mit einem späteren Therapiebeginn können diesen Vorteil nicht wieder aufholen.

Nach den Daten der BENEFIT*-Studie hat die MS bei Patienten, die erst nach einem zweiten Schub behandelt werden, langfristig einen deutlich ungünstigeren Verlauf als bei Patienten mit frühem Therapiebeginn. Darauf deutet eine Analyse der Drei-Jahres-Daten. Sie wurde jetzt von Professor Norbert Sommer von der Uniklinik Marburg auf dem Neurologen-Kongress in Berlin vorgestellt. "Die BENEFIT-Studie zeigt ganz klar, dass eine frühe Therapie auch Jahre später der MS-Progression vorbeugt", so Sommer auf einer Veranstaltung von Bayer HealthCare.

In die Studie waren 468 Patienten aufgenommen worden, die einen ersten MS-Schub mit positivem MRT-Befund hatten (mindestens zwei stumme Läsionen). Sie erhielten alle zwei Tage 250 Mikrogramm Interferon beta-1b (Betaferon®) oder Placebo. Bekamen Patienten in der Placebo-Gruppe einen weiteren MS-Schub, wurden sie ebenfalls mit dem Interferon behandelt.

Diese erste Placebo-kontrollierte Phase dauerte zwei Jahre. In dieser Zeit wurde nach den McDonald-Kriterien bei 85 Prozent der Patienten mit Placebo eine MS diagnostiziert, mit Interferon bei 69 Prozent. Eine klinisch determinierte MS hatten nach dieser Zeit 45 Prozent der Patienten mit Placebo, aber nur 28 Prozent mit Interferon (wir berichteten).

Nach zwei Jahren wurde die Studie offen fortgesetzt, alle Patienten erhielten nun das Interferon. Inzwischen liegen Follow-up-Daten über ein Jahr vor. Demnach blieben die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in der offenen Phase bestehen: Eine MS nach den McDonald Kriterien hatten nach insgesamt drei Studien-Jahren 85 Prozent der Patienten aus dem ursprünglichen Placebo-Arm und 74 Prozent der Patienten mit früher Interferon-Therapie. Eine klinisch determinierte MS hatten 51 Prozent der Patienten mit später Therapie, aber nur 37 Prozent der Patienten mit frühem Therapiestart.

Auch bei einem weiteren Kriterium, der EDSS-Progression, schnitten die Patienten mit früher Therapie besser ab: Bei 16 Prozent wurde innerhalb von drei Jahren eine Progression beobachtet, dagegen bei 24 Prozent der Patienten mit spätem Therapiestart, sagte Sommer. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen waren statistisch signifikant. Die Drei-Jahres-Daten wurden jetzt veröffentlicht (Lancet 370, 2007, 389).

*BENEFIT: Betaferon in Newly Emerging MS for Initial Treatment

STICHWORT

Diagnose-Kriterien zum MS-Verlauf

MS-Schub: Neurologische Ausfälle oder Symptomverschlechterung für mindestens 24 Stunden

Klinisch isoliertes Syndrom (CIS): Erster klinischer MS-Schub mit positivem MRT-Befund.

McDonald-Kriterien: MRT-Nachweis der Dissemination des neuronalen Schadens

Klinisch determinierte MS (CDMS): Mindestens ein weiterer MS-Schub, neurologische Läsionen und Zunahme des Wertes auf der Skala EDSS (Expanded Disability Status Scale) von mindestens 1,5 Punkte oder ein Gesamtwert von über 2,5 Punkte.

EDSS-Progression: Eine Zunahme des EDSS-Wertes um mindestens einen Punkt, die mindestens sechs Monate bestehen bleibt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »