Ärzte Zeitung online, 20.08.2009

Herz-Arzneien wirken offenbar auch gegen Multiple Sklerose

BOCHUM (eb). Was das Herz schützt und den Blutdruck senkt, hilft möglicherweise auch gegen Multiple Sklerose (MS). Nach Daten von Tierversuchen dämpfen Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems auch Entzündungen im Gehirn.

In einem Tiermodell, das viele MS-Aspekte beim Menschen repräsentiert, konnte der Krankheitsverlauf mit den Wirkstoffen Aliskiren, Enalapril und Losartan eindeutig gelindert werden. Darüber berichtet eine Arbeitsgruppe um Dr. Ralf Linker und Professor Ralf Gold von der Neurologischen Klinik St. Josef-Hospital der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift PNAS.

"Wir verstehen nun auf molekularer Ebene, wie eine Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems im MS-Modell zu einer Abmilderung des Krankheitsverlaufes und einer Dämpfung der Entzündungsvorgänge im zentralen Nervensystem führt", so Linker in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Vor allem habe man eine Wirkung der getesteten Arzneien auf Makrophagen gefunden, die auch in den Entzündungsherden bei MS auftreten. In einer gleichzeitig veröffentlichten Studie hat eine Gruppe um Professor Lawrence Steinman von der Stanford Universität in Kalifornien ähnliche Effekte auf regulatorische Immunzellen beobachtet.

Alle drei für wirksam befundenen Medikamente wirken auf das so genannte Renin-Angiotensin-System, mit dem der Körper sowohl den Blutdruck reguliert, als auch den Salz- und Wasserhaushalt. Weil mehrere Forschergruppen in letzter Zeit Hinweise gefunden hatten, dass das Renin-Angiotensin-System auch das Immunsystem beeinflussen kann -und zwar insbesondere die bei MS überaktiven T-Zellen und Antigen präsentierenden Zellen - hat sich das Team um Gold und Linker eingehend mit den zugrunde liegenden Signalwegen beschäftigt.

Viele Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems werden bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits mit gutem Erfolg und guter Verträglichkeit eingesetzt: Aliskiren ist der erste oral verfügbare direkte Hemmstoff für das von den Nieren bei niedrigem Blutdruck ausgeschüttete Enzym Renin und seit zwei Jahren in der EU zugelassen. Enalapril hat als Angriffspunkt das Angiotensin-Converting-Enzyme (ACE) und ist unter den Arzneien mit diesem Wirkmechanismus (den ACE-Hemmern) eine der meistgebrauchten. Losartan schließlich ist ein typischer Vertreter der Sartane, die ein weiteres Schlüsselmolekül im Renin-Angiotensin-System blockieren, den Subtyp 1 des Angiotensin-II-Rezeptors.

"Diese Substanzen könnten nun auch in der Therapie bei Multipler Sklerose Einzug halten", hofft Gold. Womöglich könnten sie mit bereits verfügbaren Basistherapeutika gegen die MS sogar eine synergistische Wirkung entfalten, und sie sollten im Gegensatz zu den neuen Antikörpertherapien bei der MS keine schwer abschätzbaren neuen Risiken mit sich bringen: "Allerdings müssen diese Hypothesen natürlich zuerst in klinischen Studien an Patienten überprüft werden", so Gold.

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