Ärzte Zeitung online, 15.09.2009

Epstein-Barr Virus offenbar eine Ursache von Multipler Sklerose

BERLIN (eb). Neuen Daten zufolge erhärtet sich der Verdacht, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV) an der Entstehung und Unterhaltung von Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) beteiligt ist. In den Hirnläsionen von Patienten mit MS wiesen Wissenschaftler Nester mit EBV infizierten B-Lymphozyten nach. Ähnliche Befunde wurden auch im erkrankten Gewebe von Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen erhoben.

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Foto: Sebastian Kaulitzki ©www.fotolia.de

Bereits seit 40 Jahren wurde das EBV, mit dem weltweit bis zu 95 Prozent der Menschen infiziert sind, aufgrund epidemiologischer und serologischer Studien immer wieder mit MS in Verbindung gebracht. Ein direkter Beweis eines Zusammenhangs wurde jedoch nie erbracht.

Bekannt ist, dass EBV sich in einer bestimmten Anzahl von Immunzellen, den B-Lymphozyten, verstecken kann. Dort kann das Virus während der Lebensdauer seines Wirts in einem Ruhezustand verharren. Wenn die Kontrolle des Immunsystems versagt, kann es jedoch reaktiviert werden und Tumoren verursachen.

Bereits Ende 2007 wiesen die Wissenschaftlerin Dr. Francesca Aloisi und ihr Team EBV-Akkumulationen in den Hirnläsionen von Patienten mit MS nach. Sie fanden heraus, dass die Viren über B-Lymphozyten wie in einem Trojanischen Pferd in das Zentralnervensystem eingeschleust werden und zeigten, dass die mit EBV infizierten B-Lymphozyten im Gehirn dann selbst zum Ziel eines Immunangriffs werden.

Durch die Immunreaktion wird die chronische Entzündung angefacht, die dann zum Untergang von Hirngewebe führt. "Dies erhärtet den Verdacht, dass EBV und sein Trojanisches Pferd die wichtigste Ursache der Zerstörung von Nervengewebe bei MS darstellen", so Aloisi beim European Congress of Immunologie (ECI) in Berlin, wo sie die neuen Daten vorstellte.

Darüber hinaus fanden die Wissenschaftler abnorme Nester von mit EBV infizierten B-Lymphozyten auch im kranken Gewebe von Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen. "Diese Befunde stützen die verbreitete Sichtweise, dass EBV in der Entstehung verschiedener Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielt und stellen einen Schritt vorwärts in der Aufklärung des Phänomens Autoimmunität dar. Jetzt müssen wir herausfinden, ob die Vermeidung oder Bekämpfung der EBV-Infektion einen positiven Einfluss auf Autoimmunerkrankungen hat."

MS ist eine der häufigsten entzündlichen Erkrankungen des Zentralnervensystems bei jungen Erwachsenen. Ähnlich wie bei anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen ist die Gewebezerstörung bei MS das Ergebnis eines fehlgesteuerten Angriffs des Immunsystems, der sich gegen körpereigene Strukturen richtet. Bei MS greift das Immunsystem nach derzeitigem Verständnis das Myelin an, die lipidreiche Markscheide der Nervenfasern.

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