Sonntag, 12. Februar 2012
Ärzte Zeitung online, 03.03.2010

Zerstörerische Entzündung verhindert, wenn der Todesbote blockiert wird

HEIDELBERG (eb). Das Signalmolekül CD95L löst nach Rückenmarksverletzungen eine Entzündung aus und verhindert dadurch die Heilung. Schalten Forscher bei Mäusen CD95L aus, heilt das verletzte Rückenmark, und die Tiere erlangen bessere Beweglichkeit zurück. Dies könnte ein vielversprechender Therapieansatz bei schwer entzündlichen Krankheiten sein.

Nach Verletzung des Rückenmarks von Mäusen beobachtete Forscher um Dr. Ana Martin-Villalba vom Deutschen Krebsforschungszentrum, eine lang anhaltende Entzündungsreaktion in der Umgebung. Innerhalb von 24 Stunden wandert eine große Anzahl von weißen Blutkörperchen in die betroffene Stelle im Rückenmark ein. Dabei handelt es sich vor allem um Zellen der so genannten "angeborenen" Immunabwehr, Makrophagen und Neutrophile.

Im gleichen Zeitraum, so stellten Forscher fest, steigt auf der Zelloberfläche der weißen Blutkörperchen in den Blutbahnen die Menge an CD95L deutlich an - offenbar als Folge eines noch nicht identifizierten chemischen Signals, das das verletzte Gewebe aussendet.

Verantwortlich für die Wanderung der Immunzellen zum Ort der Verletzung ist das Signalmolekül CD95L, bewies die Forscher in einer aktuellen Untersuchung. Blockierten die Wissenschaftler den Todesboten mit spezifischen Wirkstoffen, kam die Wanderung zum Erliegen. Die Forscher entschlüsselten einen bislang unbekannten Signalweg, über den CD95L die Immunzellen dazu aktiviert, mobil zu werden und aus der Blutbahn ins verletzte Rückenmark einzuwandern.

Diese Mobilisierung ist nicht auf die Entzündungsreaktion im verletzten Rückenmark beschränkt - auch bei Mäusen, die an schwerer Bauchfellentzündung erkrankt waren, wurde eine CD95L-bedingte Einwanderung von Immunzellen ins kranke Gewebe entdeckt (Immunity 32, 2010, 240).

"Wir gehen davon aus, dass CD95L auch im menschlichen Organismus schädliche Entzündungsreaktionen fördert", erklärt Martin-Villalba. Denn die Analyse von Blutproben rückenmarksverletzter Patienten ergab, dass auch hier die Menge von CD95L auf den Immunzellen innerhalb weniger Stunden nach dem Unfall ansteigt.

Dies ist ein ermutigender Anhaltspunkt dafür, dass eine Blockade von CD95L ein erfolgversprechender Therapieansatz bei schweren entzündlichen Erkrankungen sein könnte, etwa bei Rheumatoider Arthritis oder Multipler Sklerose. Ein Wirkstoff gegen den Todesboten würde verhindern, dass entzündungsfördernde Immunzellen in das erkrankte Gewebe einwandern und dort den Gewebeschaden intensivieren. Neueste Ergebnisse weisen sogar darauf hin, dass Entzündungsreaktionen die Invasionsfähigkeit von Krebszellen fördern, so dass auch hier der Einsatz eines CD95L-Blockers hilfreich sein könnte.

Ein solcher Wirkstoff könnte bald schon zur Verfügung stehen: Auf der Basis von Erfindungen aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelt ein Biotech-Unternehmen bereits einen Inhibitor, der spezifisch das CD95L-Molekül des Menschen ausschaltet.

Zur Originalstudie: "CD95-Ligand on Peripheral Myeloid Cells Activates Syk Kinase to Trigger Their Recruitment to the Inflammatory Site"

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