Ärzte Zeitung online, 03.08.2010
Multiple
Sklerose durch venöse
Störung? Daran gibt es immer mehr Zweifel
MS-Patienten haben einen abnormen venösen
Blutfluss im Gehirn - darauf weisen Studien mit modernen bildgebenden
Verfahren bei MS-Patienten. Deutsche Forscher zweifeln jedoch an den
Ergebnissen. Unklar ist auch, ob die vermuteten venösen
Störungen Folge oder Ursache einer MS sind.
Von Martin Wiehl und Thomas Müller

Venöse Insuffizienz als (eine)
Ursache von MS? Darüber wird kontrovers diskutiert.
© Sebastian Kaulitzki /
fotolia.com
TORONTO. Eine neue Theorie zur
Entstehung von Multipler Sklerose treibt bereits seltsame
Blüten. So lassen sich manche MS-Patienten in den USA schon
Stents in ihre Jugular-Venen einbauen, aus Furcht, sie könnten
nicht mehr genug Blut durchlassen. Der Grund: Nach neuen, heftig
diskutierten Daten könnte ein Rückstau des
venösen Blutflusses im Gehirn die MS verschlimmern oder sogar
auslösen. So weisen sowohl extrakranielle wie auch
intrakranielle Venen von Menschen mit MS offenbar erhebliche
Veränderungen auf - behaupten zwei Forschergruppen aus Italien
und den USA.
Die Störungen, die sie als "chronische zerebrospinale
venöse Insuffizienz" (CCSVI) bezeichnen, hätten sie
jetzt durch neuere bildgebende Verfahren sichtbar gemacht. Die
Beobachtungen sorgten vor kurzem auf dem Kongress der
US-Neurologengesellschaft AAN in Toronto für viel Aufsehen und
heftige Diskussionen. Die Kritiker der "venösen Hypothese"
erhalten jetzt jedoch Unterstützung von Neurologen der
Charité in Berlin: Sie konnten in einer aktuellen Studie
keine relevanten Veränderungen im venösen Blutfluss
zwischen MS-Kranken und Gesunden beobachten.
Verringertes Venenvolumen im Gehirn von MS-Kranken
Die Befürworter der CCSVI-Hypothese behaupten, dass
zum einen das Gesamtvolumen der intrakraniellen Venen bei MS deutlich
vermindert ist. Darunter fallen besonders die kleinsten Venen. Zudem
wird vermutet, dass MS-Patienten eine chronische venöse
Abflussstörung haben, die durch Stenosen in den
extrakraniellen Hauptvenen verursacht werden. Dies führt wohl
wiederum zu einer verminderten Perfusion des Hirnparenchyms.
Auch scheint die venöse Abflussstörung mit
einem Reflux in den zerebralen Venen einherzugehen. Dies soll wiederum
eine erhöhte Eisenablagerung im Gehirn zur Folge haben.
Korrespondierend zu diesen venösen Fluss-Anomalien lassen
weitere Untersuchungen vermuten, dass auch der zerebrospinale
Liquorfluss im Sylvius-Aquädukt gestört ist.
Um die venöse Vaskularisierung des Parenchyms zu
erfassen, verwendeten Forscher eine MRT-Variante, das
Susceptibility-Weighted Imaging (SWI). Damit lassen sich zerebrale
Venen direkt darstellen, indem die Oxygenierung des venösen
Blutes ausgenutzt wird.
Eine Arbeitsgruppe um Dr. Guy U. Poloni aus Buffalo in den USA
hatte die Methode bei 62 MS-Patienten und 33 gesunden Probanden
angewandt. Sie maßen nicht nur das Gesamtvolumen der
Hirnvenen, sondern setzten es auch in Bezug auf die Gesamthirnmasse, um
Kopfgröße und Hirnatrophie als
Störgrößen auszuschalten.
Insgesamt war das venöse Gesamtvolumen bei
MS-Patienten um knapp 20 Prozent geringer (67,5 versus
82,7 ml) als bei Gesunden, und auch das Venenvolumen pro
Hirnmasse war um dieselbe Größenordnung reduziert.
Die stärksten Abweichungen ergaben sich bei Venen unter
0,9 mm Durchmesser. Insgesamt, so die Forscher, legten die
Befunde eine schwere Beeinträchtigung des venösen
Systems im Gehirn MS-Kranker nahe.
Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kam auch eine
italienische Gruppe um Professor Paolo Zamboni aus Ferrara in Italien.
Der Angiologe hatte bei 16 Patienten mit schubförmiger MS und
acht gesunden Probanden zunächst die venöse
Hämodynamik extrakranieller hirnableitender
Gefäße wie der Vena jugularis interna per
Doppler-Sonografie untersucht. Bei allen 16 MS-Patienten fand er eine
venöse Insuffizienz und einen venösen
Rückstau, jedoch bei keinem der Teilnehmer ohne MS.
Weiterhin wurden alle Teilnehmer mit einem weiteren
MRT-Verfahren untersucht, dem Perfusion-Weighted Imaging (PWI). Dabei
wurde in verschiedenen Hirnbereichen der zerebrale Blutfluss, das
Blutvolumen sowie die mittlere Durchlaufzeit einzeln erfasst und
ausgewertet. Das Ergebnis: Je ausgeprägter die venöse
Insuffizienz in der Sonografie war, umso stärker war die per
PWI gemessene intrazerebrale Perfusion gestört. Diese
Korrelation betraf alle Regionen des Parenchyms der MS-Patienten und
war besonders auffällig im Thalamus, Nucleus caudatus,
Putamen, Hippocampus und Nucleus accumbens.
Bei venöser Insuffizienz vermehrt Eisen in
Läsionen
Bei demselben Studienkollektiv verwendete die Arbeitsgruppe
auch das SWI, um vermehrte Eisenablagerungen im Gehirn der MS-Patienten
zu detektieren. Es wurde schließlich vermutet, dass ein
erhöhter zerebral-venöser Rückfluss zu einem
solchen Anstieg beitragen könnte. Die Eisenkonzentrationen
wurden dabei in verschiedenen Hirnregionen sowie auch in T1- und
T2-gewichteten Läsionen gemessen.
Dabei stellte sich heraus: MS-Patienten mit einer
ausgeprägten Insuffizienz der Jugularvenen hatten
tatsächlich auch eine hohe Eisenbeladung in den
Läsionen. Je ausgeprägter die venöse
Insuffizienz war, umso mehr Eisen war in den Läsionen. Dies
ist auch klinisch bedeutsam: So fanden andere Forscher, dass hohe
Eisenkonzentrationen in der grauen Substanz mit einem
ausgeprägten Behinderungsgrad einhergehen.
Ein Team um Dr. Florian Doepp von der Charité konnte in der jetzt publizierten Arbeit die Befunde von Zamboni jedoch nicht bestätigen. Die Berliner Neurologen untersuchten 56 MS-Patienten und 20 gesunde Kontrollpersonen mit extrakranieller sowie transkranieller farbkodierter Sonografie. Sie bestimmten den extrakraniellen venösen Blutfluss, Gefäßdurchmesser und Blutfluss der Venae jugulares internae und der Venae vertebrales. Nur bei einem MS-Patienten fanden sie dabei eine Jugular-Stenose, ansonsten gab es bei keinem Patienten Hinweise auf eine venöse Abflussstörung, auch erfüllte kein MS-Patient mehr als ein Kriterium für eine CCSVI, schreiben Doepp und Mitarbeiter in den aktuellen "Annals of Neurology" (2010; 68:173).
Ein schwedisches Team um Dr. Peter Sundström aus Umea publizierte in derselben Ausgabe der "Annals" ebenfalls eine Studie mit negativem Ergebnis. Die Schweden konnten bei 21 MS-Patienten und 20 Gesunden mit Phasenkontrast-MRT keine Unterschiede beim Blutfluss der Jugularvenen finden (Ann Neurol 2010; 68: 255).
Schließlich kamen auch Neurologen um Dr. Christos Krogias von der Ruhr-Universität Bochum zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Sie publizierten im April eine Arbeit, in der sie bei ihren MS-Patienten zwar häufiger CCSVI-Merkmale als bei Gesunden fanden, dabei erfüllten jedoch nur 20 Prozent der MS-Patienten zwei der neurosonografischen CCSVI-Kriterien (Der Nervenarzt 2010; 81: 740).
Das Team um Krogias warnt daher, die "venöse Hypothese" als ausschließliche Erklärung für MS zu bemühen. Die pathologische Relevanz der bei einigen Patienten beobachteten venösen Veränderungen sei völlig unklar, daher gebe es bislang auch keinen Grund, bei MS-Patienten Stents in die Jugularvenen einzupflanzen.
Neurosonografische
Merkmale der "chronischen zerebrospinalen
venösen Insuffizienz" (CCSVI)
- Reflux in den Venae jugulares internae (IJV)
und/oder den
Venae vertebrales (VV)
- Reflux im tiefen Anteil
des intrakraniellen Venensystem
- Nachweis einer
proximalen IJV-Stenose mittels
Schnittbildsonografie
- Fehlende Ableitung von
Dopplerfrequenzverschiebungen in den
IJVs und/oder VVs
- Umkehrung der
lageabhängigen Hämodynamik
im zervikalen Venensystem
Quelle: Krogias et al.; Der Nervenarzt 2010; 81: 740

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