Ärzte Zeitung online, 11.08.2011

Bei MS hetzen Gene die Immunzellen auf - genau wie bei Diabetes oder Rheuma

OXFORD/ MÜNCHEN (dpa). Wissenschaftler haben neue Variationen im Erbgut gefunden, die bei der Nervenerkrankung Multiple Sklerose (MS) eine Rolle spielen. Die Genanalysen weisen in Richtung der T-Lymphozyten.

Bei MS hetzen Gene die Immunzellen auf - genau wie bei Diabetes oder Rheuma

Bei Genanalysen wurden 29 neue Genorte identifiziert, die das MS-Risiko beeinflussen.

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Für die Studie untersuchten die Experten die Gene von mehr als 9700 MS-Patienten und verglichen sie mit denen von knapp 17.400 gesunden Menschen.

Die Daten bestätigen eine Verbindung zwischen Zellen und Faktoren des Immunsystems und der Erkrankung, schreiben die Autoren um Professor Peter Donnelly von der Universität in Oxford (Nature 2011; online 10. August).

Komplex von Genen bei MS-Patienten verändert

Die Genanalysen weisen in Richtung der T-Lymphozyten. Nach Angaben der Autoren haben sich zudem die Erkenntnisse bestätigt, dass ein bestimmter Komplex von Genen (MHC), die für Proteine der Zelloberfläche kodieren, bei MS-Patienten verändert ist.

"Es gibt eine deutliche Überlappung mit Genen aus dem Immunsystem, die bei anderen Autoimmunkrankheiten wie Diabetes, Rheuma oder Psoriasis eine Rolle spielen", sagte Professor Bernhard Hemmer vom Kompetenznetz Multiple Sklerose der Nachrichtenagentur dpa. Hemmers Team hat an der Studie mitgewirkt.

Weiterhin erlaube die große Zahl an bekannten Genorten nun Rückschlüsse darüber, welche Signalwege im Immunsystem von MS-Patienten besonders wichtig für die Erkrankung sind.

Auch werde die These untermauert, dass der Vitamin-D-Stoffwechsel eine Funktion bei der Erkrankung habe, da zwei der gefundenen Gene für diesen von großer Bedeutung sind.

"Therapeutische Ansätze müssen verstärkt werden"

"Die Studie unterstützt die These, dass der Multiplen Sklerose eine Autoimmunreaktion zugrunde liegt und die therapeutischen Ansätze verstärkt werden müssen, diese in den Griff zu kriegen", sagte Hemmer.

Bei der Auswertung der Daten aus 15 Ländern konnten 20 bekannte Gene bestätigt werden und 29 neue Genorte identifiziert werden, die das Risiko beeinflussen, an MS zu erkranken. "Viele der entdeckten Genorte spielen eine grundlegende Rolle für das Immunsystem."

"Thema Gentest noch zu früh"

"Auch wenn dies eine große Studie ist, so ist es für das Thema Gentests noch viel zu früh", betonte Hemmer, Direktor der neurologischen Klinik und Poliklinik am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. "Es gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weitere seltene Gene, die noch nicht gefunden wurden und wichtig für die MS sind."

Daten von 1100 MS-Patienten aus Deutschland

Die Studie ist ein Projekt des "International Multiple Sklerose Genetics Consortium" und des "Wellcome Trust Case Control Consortium". Auch deutsche Wissenschaftler sind beteiligt, unter anderem aus München, Hamburg und Mainz. Die Daten von 1100 MS-Patienten aus Deutschland flossen in die Studie ein.

Weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen

Nach der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft sind schätzungsweise weltweit 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen. Die Erkrankungshäufigkeit steigt mit der Entfernung vom Äquator.

In Deutschland leben Hochrechnungen zufolge etwa 130.000 MS-Patienten. Frauen erkranken etwa doppelt bis dreifach so häufig wie Männer. Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.

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