Ärzte Zeitung online, 08.08.2008

Hormontherapie gegen Schizophrenie

MELBOURNE (mut). Östrogen eignet sich offenbar als Zusatztherapie bei Frauen mit Schizophrenie. Nach Daten australischer Forscher werden damit vor allem Wahnsymptome und Halluzinationen gelindert.

Niedriger Östrogenspiegel bei Frauen scheinen offenbar Psychosen zu begünstigen. So haben Frauen kurz nach einer Entbindung, wenn die Östrogenwerte besonders niedrig sind, ein erhöhtes Psychose-Risiko. Die Gefahr für Psychosen ist auch in der Menopause besonders hoch, berichten Psychiater um Jayashri Kulkarni aus Melbourne in Australien (Arch Gen Psychiatry 65, 2008, 867). Umgekehrt bessern sich bei Frauen mit Schizophrenie die Symptome häufig während der Schwangerschaft, also dann, wenn die Östrogenwerte besonders hoch sind.

In einer Doppelblind-Studie haben die australischen Psychiater jetzt bei über 100 Schizophrenie-kranken Frauen eine Zusatztherapie mit Östrogen geprüft. Die Frauen hatten alle die Menopause noch nicht erreicht. Sie wurden vier Wochen zusätzlich zu ihrer bisherigen antipsychotischen Medikation transdermal mit 100 μg Estradiol oder Placebo behandelt.

Insgesamt ging durch die Zusatztherapie der Wert auf der Positiv- und Negativ-Symptomskala (PANSS) von zu Beginn 78 auf 69 Punkte zurück, mit Placebo blieb er dagegen konstant. Am stärksten war der Therapie-Effekt bei Positivsymptomen wie Wahn, Agitiertheit und Aggressivität. Auf der PANSS-Subskala für Positiv-Symptome sank der Wert mit Estradiol signifikant von 21 auf 17 Punkte, mit Placebo blieb er konstant bei 19 Punkten. Negativsymptome wie Motivationsverlust oder sozialer Rückzug ließen sich durch die Östrogentherapie dagegen nicht signifikant reduzieren.

Östrogen kann nach Ansicht der Forscher über mehrere Wege psychoprotektiv wirken: Das Hormon verstärkt den zerebralen Blutfluss und den Glukosestoffwechsel im Gehirn. Zudem moduliert es verschiedene Neurotransmittersysteme, etwa das dopaminerge und serotonerge System. Östrogenrezeptoren finden sich im Hypothalamus, der Amygdala, der Substantia nigra, im Nucleus subthalamicus, im Kleinhirn und mehreren Kortex-Arealen.

In Tierversuchen ließen sich mit Östrogen nach einer Ovarektomie striatale Dopamin-Konzentrationen stabil halten - ein Hinweis auf die antipsychotische Wirkung. Übrigens: Nach Angaben der Psychiater gibt es schon erste Studiendaten, nach denen auch Männer mit Schizophrenie von einer Östrogentherapie profitieren.

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