Ärzte Zeitung online, 21.08.2008

"Mann ohne Gedächtnis" soll abgeschoben werden

HEIDELBERG (dpa). Er ist bekannt geworden als der "Mann ohne Gedächtnis". Norman McMullan aus Edinburgh in Schottland alias "Karl". Vor zwei Jahren tauchte er plötzlich auf dem Hauptbahnhof in Mannheim auf. Hilflos, ohne Erinnerung an sich oder seine Geschichte.

"Mann ohne Gedächtnis" soll abgeschoben werden

Der "Mann ohne Gedächtnis" wird Karl Frankfurt genannt und lebt zur Zeit in einem Altenheim in Heiligkreuzsteinach im Odenwald.

Foto: dpa

Mehr als ein Jahr brauchten die Behörden, um seine Identität zu klären. Und nun, noch ein Jahr später, wird er in seine Heimat abgeschoben. Seine Heimat? Die hat der 61-Jährige eigentlich gefunden in einem kleinen Ort bei Heidelberg. Im südlichen Teil des Odenwalds in dem 3000-Seelen-Ort Heiligkreuzsteinach inmitten grüner Wiesen und tiefer Täler - als Karl Frankfurt.

"Wir akzeptieren ihn so, wie er sich sehen möchte. Darum haben wir ihm auch den Namen gelassen, den er sich ausgesucht hat", sagt Ralf Steigleder, Leiter des Altenheims "Haus am Brunnen". Dort lebt der Schotte seit Ende 2006. 46 Plätze hat das Haus, und viele der Männer und Frauen dort wirken um ein Vielfaches gebrechlicher als "Karl". "Er führt ein ziemlich selbstständiges Leben", berichtet Steigleder. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Menschen, die an Gedächtnisstörungen leiden. Beispielsweise den Demenzkranken.

Der 61-Jährige gilt eher als Einzelgänger, ohne aber seinen Mitbewohnern aus dem Weg zu gehen. Zum Teil ist sicherlich die Sprache ein Hindernis. "Es gibt nicht so viele Bewohner, die Englisch sprechen", sagt der Heimleiter. "Karl" schildert im Gespräch, es mangele an Deutschkenntnissen der anderen. Denn seine Sichtweise ist die: Deutschland ist seine Heimat, er Deutscher - und die anderen sprechen Englisch.

Der "Mann ohne Gedächtnis" wechselt die Identität

Aufmerksam schaut er seinen Besuch an. Mit wachen, klaren Augen. Die dünnen, weißen Haare wirken trotz der Länge gepflegt. Stolz präsentiert der "Mann ohne Gedächtnis" farbenfrohe Zeichnungen von Autokarossen. Ohne Punkt und Komma berichtet er von Design-Vorzügen, technischer Ausstattung und PS-Stärke. Wer seine Geschichte nicht kennt, würde ihm abkaufen, dass er ein bedeutender Auto-Designer oder -Techniker ist. Später wechselt er die Identität. Und irgendwann zwischendurch - fast im Redeschwall untergehend - fällt dieser Satz: "I've forgotten all my live" (Ich habe mein Leben vergessen).

"Karl" leidet an einer paranoiden Schizophrenie, berichtet sein Betreuer, Rechtsanwalt Wolfgang Wagner, mit Zustimmung seines Mandanten. Das Krankheitsbild ist nicht so häufig, und die Folgen sind für einen Laien schwer nachvollziehbar. "Viele denken bei Schizophrenie an Halluzinationen und Wahnvorstellungen", sagt Wagner, der die Interessen mehrerer psychisch kranker Menschen vertritt. Bei "Karl" hat die Krankheit den Gedächtnisverlust zur Folge. "Er hat den Wahn, ein Deutscher zu sein. Seine Vergangenheit und seine tatsächliche Identität hat er ausgeblendet."

Es gibt viele Formen, sein Gedächtnis zu verlieren. Schon eine Gehirnerschütterung kann zu kurzen Ausfällen führen, bei einem Schädelhirntrauma sind schwerwiegendere Probleme möglich - und traumatische Erlebnisse rauben mitunter ganze Teile des Lebens. "Wir unterscheiden prinzipiell drei verschiedene Gruppen", erklärt Oberarzt Dr. Ulrich Seidl von der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg.

Ursachen für den Verlust oder die Störung des Gedächtnisses können organische Erkrankungen sein, beispielsweise ein Tumor oder Demenz. Dann gibt es psychodynamische Prozesse, ausgelöst beispielsweise durch ein traumatisches Erlebnis. Oder schließlich die verschiedenen Formen einer Schizophrenie, wo sowohl organische Ursachen als auch Lebenslauf oder traumatische Erlebnisse ein Rolle spielen können.

"Eine Schizophrenie kann mittelfristig dazu führen, dass Dinge verloren gehen", erklärt Seidl. Manchmal kehren aber Erinnerungen zurück. Bei Demenz hingegen gibt es kein Zurück. Nervenzellen sterben und bleiben irreparabel. "Das ist eine strukturelle Veränderung des Gehirns, und das bleibt verloren", schildert der Facharzt für Psychiatrie. Durch die organischen Hirnschädigungen verfällt langsam die geistige Leistungsfähigkeit, und infolge des Abbaus der Hirnzellen kommt es oft zu völliger psychischer und körperlicher Hilflosigkeit. Mehr als eine Million Menschen erleben dies täglich in Deutschland. Erleben, wie ihnen die Krankheit langsam das Ich raubt.

"Man lässt etwas fallen, und in dem Moment, wo es unten ist, hat man schon vergessen, was es ist", zitiert Professor Johannes Schröder vom Heidelberger Universitätsklinikum einen seiner Patienten. Diese Aussage habe ihn tief beeindruckt und erschüttert zugleich, sagt der Leiter der Sektion Gerontopsychiatrie. Schröder und sein Team - darunter Seidl - behandeln und erforschen psychische Leiden im höheren Lebensalter. Im Vordergrund steht dabei die Früherkennung. "Die Diagnose muss gesichert werden. Dann kann man wenigstens ein wenig gegensteuern - mit Medikamenten und Gedächtnistraining", erklärt der 50-Jährige.

Patienten haben Angst, ihre Autobiografie zu vergessen

Von seinen Patienten weiß er: Sie sind fast erleichtert, wenn sie die Diagnose hören. Dann wissen sie endlich, was los ist - und können sich so gut es geht auf das einrichten, was kommt. "Unsere Patienten haben Furcht, ihr autobiografisches Gedächtnis zu verlieren", sagt Schröder. "Die Fakten ihres Lebensganges bleiben erhalten - aber die eigene Lebenswürze geht schnell verloren."

Verzögert werden kann dieser Prozess mit Unterstützung von Gedächtnisambulanzen, die neben der Heidelberger Klinik viele weitere in Deutschland eingerichtet haben. Als häufigste Ursache für Demenz gilt die Alzheimer-Krankheit, aber auch Alkohol- und Medikamentenmissbrauch oder Depressionen können Auslöser sein. Schauspieler und Entertainer Harald Juhnke (1929-2005) war wohl der bislang bekannteste Demenz-Patienten. Sein öffentlicher Verfall war dramatisch. Vor wenigen Monaten wurde bekannt, dass ein weiterer Prominenter an der tückischen Krankheit leidet: der Tübinger Philologe und Publizist Walter Jens.

Das Leiden der anderen ist leiser - oft abgeschieden in unzulänglichen Pflegeheimen oder im Kreise ihrer liebenden, aber häufig überforderten Angehörigen. Der eine oder andere landet vielleicht mal im Polizeibericht als Suchmeldung. So wie zuletzt ein 83-Jähriger im Freiburger Raum, der nie dort ankam, wo er hinwollte. Oft ist es "nur" der Bus, der nie kommt, weil der Erkrankte an der falschen Haltestelle steht. Oder die Erinnerung an die eigene Adresse fehlt. Oder der Name der Kinder geht verloren.

Je älter der Mensch wird, desto anfälliger ist er für die Krankheit: Von den 80- bis 84-Jährigen sind nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft 13 Prozent erkrankt, bei den über 90-Jährigen bereits 34 Prozent. Bis zum Jahr 2050 rechnen Experten mit 2,3 Millionen Erkrankten - und schlagen Alarm.

Vier von fünf Demenz-Kranken kommen in ein Heim

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden allein im Jahr 2002 rund 5,6 Milliarden Euro der gesetzlichen Krankenversicherung für Demenzkranke ausgegeben. Etwa 733 000 der meist psychisch und körperlich Hilflosen sind Leistungsbezieher der Pflegeversicherung. Bis zu 80 Prozent kommen in einem Pflegeheim.

Am Anfang aber steht die Diagnose - und hier beginnen bereits die Probleme. Sie ist zeitaufwendig, und es bedarf technischer Untersuchungen, beispielsweise einer Magnetresonanztomografie oder einer Nervenwasser-Punktion, berichtet der Heidelberger Professor Schröder. Allein Vorgespräch und Tests dauerten 40 bis 60 Minuten. "Das kann ein niedergelassener Arzt gar nicht leisten. Das wird von den Kassen nicht honoriert", sagt Schröder.

Aus Sicht der Deutschen Alzheimer Gesellschaft kommen aber oft mangelnde Kompetenz und Ignoranz hinzu. "Die Patienten werden oft nicht ernst genommen und regelrecht abgebügelt", berichtet Geschäftsführer Hans-Jürgen Freter. Nur eine Minderheit der Ärzte stelle eine sorgfältige Diagnose. "Häufig heißt es: Was wollen sie denn, sie sind 75 Jahre. Oder: Sie haben Alzheimer - da ist nichts zu machen."

Worte mit fataler Wirkung. Das berichtet auch Schröder. "Unsere Patienten brauchen Zeit, und sie achten sehr auf die äußere Form." Häufiger Begleiter der Demenzkranken ist die Depression, oder zumindest eine gedrückte Stimmung. "Weil sie so entsetzlich allein sind in ihrer Welt", sagt der 50-Jährige.

Für "Mann ohne Gedächtnis" ist Schottland fremd

Dieses Schicksal sehen die Betreuer von "Karl" nun verstärkt auf den 61-Jährigen zukommen, wenn er in seine schottische Heimat abgeschoben wird. "Er kennt dort niemanden. Er verdrängt ja seine Vergangenheit in seinem Geburtsland", sagt Rechtsanwalt Wagner. "Er wird dort mutterseelenallein sei."

Rechtsanwalt Wagner hatte versucht, die Abschiebung zu verhindern. "Es liegen aber keine Abschiebehindernisse vor", räumt er ein. "Mein Mandant erfreut sich bester Gesundheit. Es konnten keine Selbstmordabsichten festgestellt werden." Rein rechtlich sei die Abschiebung ohnehin korrekt: Auch ein EU-Ausländer darf sich laut Gesetz nicht in Deutschland aufhalten, wenn der Steuerzahler für ihn aufkommen muss.

Großbritannien zahlt für den 61-Jährigen jedoch nur die Krankenversicherung und eine kleine Rente. Damit fehlen nach Angaben des zuständigen Landratsamtes Rhein-Neckar-Kreis etwa 1200 Euro monatlich. Darum wurde "Karl" zur Ausreise aufgefordert. Womöglich Mitte September wird er nach Schottland zurückkehren, heißt es beim Regierungspräsidium Karlsruhe. Die Behörde ist für die "Rückführung" zuständig. "Der gesamte Vorgang wird unter ärztlicher Begleitung laufen", sagt der zuständige Sachbearbeiter Christian Stoll.

"Das soll Hand in Hand laufen", betont Stoll. Wichtig sei ein reibungsloser Ablauf, der "Karl" nicht unnötig belaste. Inwieweit er selbst das alles realisiert, ist schwer zu beurteilen. "Das ist das Rätsel überhaupt", sagt Seidl. "Wie erleben das unsere Patienten?"

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