Ärzte Zeitung online, 01.03.2011

Psychose oder Neuroborreliose?

Patienten mit psychischen Krankheiten glauben häufig an eine körperliche Erklärung für ihre Beschwerden. Ärzte haben es dann nicht einfach, die eigentliche Ursache zu erkennen - vor allem dann, wenn eine schwer diagnostizierbare Krankheit wie die Neuroborreliose vermutet wird.

Von Thomas Müller

Psychose oder Neuroborreliose?

Hat sie die psychischen Symptome ausgelöst? Zecken aus Überträger von Borrelien.

© Jan. G / Panthermedia

Berlin. Wie sehr es Ärzte in die Irre führen kann, wenn Patienten auf einem bestimmten Krankheitsbild beharren, berichten Dr. Lara Rzesnitzek und Professor Malek Bajbouj von der Charité Berlin (Neurotransmitter 2011; 2: 48).

Ein 30-jähriger Student stellte sich in der Ambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité vor, nachdem der Hausarzt, der ihn bisher betreut hatte, in den Urlaub gefahren war.

Der Mann fühlte sich verfolgt, gab an, er werde von einem ehemaligen Kommilitonen bedroht und hatte Angst, von diesem erschossen zu werden, da dieser einen Jagdschein machen wolle. Zudem berichtete er von zahlreichen körperlichen Beschwerden.

Er sprach von einem Kribbeln im Genick, hinter dem Ohr und im Oberkieferbereich, von diffusen Schmerzen sowie einem Knacken, welches besonders nach dem Konsum von Kohlenhydraten auftrete. Dies führte der Student darauf zurück, dass er an einer Borreliose litt.

So hatte er gelesen, dass Borrelien bei Stress Sphäroplasten bilden. Bei kohlenhydratarmer Ernährung würden sie in diesem niedrigaktiven Überdauerungsstadium verweilen, beim Verzehr von Kohlenhydraten jedoch wieder aktiv sein.

Nach einer langen antibiotischen Therapie könne er daher nur noch durch kohlenhydratfreie Diät, die auch von seinem Hausarzt gebilligt werde, das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

"Falls er nun doch einmal Kohlenhydrate zu sich nehme oder anderen Triggerfaktoren wie Kälte ausgesetzt sei, hätte er ein Gefühl als würde alles bersten, als würde ihm eine Faust in den Rachen fassen und alles herausstemmen", beschreiben Rzesnitzek und Bajbouj die Situation bei der Aufnahme.

Das Gespräch ergab, dass der Mann schon seit längerem zahlreiche psychische Beschwerden hatte. Er nannte etwa Schlafstörungen, Suizidgedanken, Burnout - dies war nach seinen Angaben auch der Grund dafür, dass er sein Maschinenbaustudium abbrechen musste.

Als ihm "klar war", dass seine Beschwerden auf eine Infektion mit Borrelien beruhten, die er auf einen Zeckenstich im Jahr 2006 zurückführte, suchte er einen auf Borreliose spezialisierten Hausarzt auf.

Dieser attestierte ihm dann tatsächlich eine Neuroborreliose - allerdings alleine aufgrund eines hohen Titers von Borrelien-spezifischen IgG. Die IgM-Werte waren dagegen negativ, eine Liquoruntersuchung hatte nicht stattgefunden, und auch typische neurologische Symptome einer Neuroborreliose wie Hirnnervenausfälle, Meningoradikulitis oder fokale neurologische Ausfälle wurden nicht festgestellt.

Es folgten in der Vergangenheit weitere Untersuchungen: Ein MRT zeigte keinen auffälligen Befund. Der Patient hatte schließlich trotzdem eine mehrwöchige Antibiotika-Therapie erhalten.

Anschließend habe er sich etwas besser gefühlt und ein Jura-Studium begonnen, das er aber nach kurzer Zeit wieder abbrechen musste. Darauf habe er sich 2008 in einer neurologischen Ambulanz vorgestellt.

Eine Lumbalpunktion ergab keinen pathologischen Befund, die Neurologen schlossen eine Neuroborreliose aus. Davon ließ sich der Patient aber wenig beeindrucken.

Wieder bei seinem Hausarzt, ergab ein Lymphozyten-Transformationstest (LTT) ein schwach positives Ergebnis. Erneut folgte eine Antibiose, und zwar über sieben Monate mit Ceftriaxon, Minocyclin und Clarithromycin

Die Sozialanamese ergab, dass eine Schwester des Patienten im Magisterstress ebenfalls psychotisch geworden war - sie glaubte an ein Glaukom als Erklärung für die Erkrankung.

Die Mutter nennt als Diagnose dagegen eine Schizophrenie, und auch dem jungen Mann attestierte sie eine Paranoia: Er habe sich abgehört gefühlt und sei zum Reden in den Keller gegangen.

Für die Psychiater der Charité stellte sich nach dieser Vorgeschichte nun die Frage, ob der Patient die Neuroborreliose einzig als Erklärungsmodell für seine Psychose benutzte, oder ob er - was ja nicht auszuschließen war - zusätzlich zur Schizophrenie an einer Neuroborreliose litt.

Zwar sind psychiatrische Symptome bei einer Neuroborreliose bisher selten beschrieben worden, doch können sich viele neurologische Erkrankungen auch mit psychischen Symptomen manifestieren, schreiben die Autoren.

Sie veranlassten daher eine erneute Borreliendiagnostik. Diese bestätigten die bereits bekannten Befunde: Die IgG-Werte waren positiv, die IgM-Werte aber negativ, was für eine durchgemachte Borrelieninfektion, jedoch nicht für eine aktive Erkrankung sprach.

Der Liquorbefund war ebenfalls erneut negativ, vor allem gab es keine intrathekale Antikörpersynthese. Da die Ärzte zudem keine neurologischen Symptome beobachteten, schlossen sie eine Neuroborreliose klar aus und nahmen eine paranoide Schizophrenie an.

Sie behandelten den Patienten mit dem Antipsychotikum Amisulprid. Bereits nach einer Woche ließ er sich auf eine Kohlenhydrat-Exposition ein, die keine negativen Konsequenzen zeigte. Seither kann er sich wieder normal ernähren.

Dass der Patient über Jahre hinweg nur gegen seine vermeintliche Neuroborreliose, nicht jedoch gegen seine offensichtliche Psychose behandelt worden war, zeige, dass auf mehreren Ebenen etwas schief gelaufen ist, berichten Rzesnitzek und Bajbouj.

So sei nach den diagnostischen Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) bei dem Patienten zu keinem Zeitpunkt eine aktive Borreliose nachweisbar gewesen.

Die IgM-Titer waren mehrfach negativ gewesen, der vom Hausarzt veranlasste schwach positive Lymphozyten-Transformationstest ist nach den DGN-Kriterien nicht zur Borrelien-Diagnostik geeignet.

Die Autoren kritisieren jedoch auch, dass eine psychiatrische Untersuchung versäumt wurde. Selbst wenn man davon ausgehe, dass die psychischen Symptome neurologische oder internistische Ursachen haben, sollte immer auch eine psychiatrische Vorstellung erfolgen.

Im geschilderten Fall hatte der Patient seinen Hausarzt und auch seinen Psychotherapeut offenbar so von den angenommenen körperlichen Ursachen seiner Symptome überzeugt, dass diese ihm folgten und keine psychiatrische Untersuchung veranlassten.

"Verpasst wurde damit die Chance, die Beschwerden des Patienten als mögliche Prodromi einer schizophrenen Psychose zu erkennen", schreiben Rzesnitzek und Bajbouj.

Statt bei unspezifischen psychovegetativen Beschwerden sofort alle Register der Apparatemedizin zu ziehen, sollten Ärzte wieder häufiger differenzialdiagnostisch denken und das Gespräch in den Vordergrund stellen, fordern die beiden Psychiater.

Diagnostische Kriterien einer Neuroborreliose (Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, DGN)

Mögliche Neuroborreliose
Typisches klinisches Bild mit Hirnnervenausfällen, Meningitis/Meningoradikulitis, fokale neurologische Ausfälle) Borrelien-spezifische IgG- und/oder IgM-Antikörper im Serum.

Wahrscheinliche Neuroborreliose
Wie "mögliche Neuroborreliose", jedoch zusätzlich entzündliches Liquorsyndrom mit lymphozytärer Pleozytose, Blut-Liquor- Schrankenstörung und intrathekaler Immunglobulinsynthese sowie Ausschluss anderer Ursachen.

Gesicherte Neuroborreliose
Wie "wahrscheinliche Neuroborreliose", zusätzlich intrathekale Synthese Borrelien-spezifischer Antikörper (IgG und/ oder IgM) oder positiver kultureller- oder Nukleinsäurenachweis (PCR) im Liquor. Ausschluss anderer Ursachen.

Zur Borreliose-Diagnostik nicht geeignet
Antigennachweis aus Körperflüssigkeiten, PCR aus Serum und Urin, Lymphozyten-Transformationstest, Visual Contrast Sensitivity Test (VCS, Graustufentest).

Nur für Fachkreise: Originalartikel "Psychose oder Neuroborreliose?", Neurotransmitter 2011; 2: 48-51 (bitte einloggen)

[18.03.2011, 10:21:41]
Burghard Andreas Bartelt 
Neuroborreliose und Shizephronie
Mit Interesse haben ich den Beitrag über Neuroborreliose und Schizophrenie gelesen. Es kann natürlich sein, dass in diesem Fall wirklich keine Borreliose vorliegt bzw. vorgelegen hat. Jedoch ist es völlig normal das bei einer Borreliose Stadium II oder III keine IGM-Antikörper mehr zu finden sind. Das fehlen der IGM-Antikörper schließt aber nicht zwangsläufig eine aktive Borreliose/Neuroborreliose aus. Es ist einfach riskant und leichtfertig unter solchen Vorraussetzungen (Vorhandensein von IGM) eine Borreliose auszuschließen. Die Möglichkeit des Westernblottests ist hier gar nicht genannt worden. Er hat bereits eine Sensitivität von 70% und das Bandenmuster kann zumindest Richtungsweisend sein. Die Sensitivität des Elisa liegt lediglich bei 50%. Und es gibt immer wieder falsch negative Befunde. Allein die serologischen Tests unterscheiden nicht zwischen Serumnarbe und floride Infektion. Ein Versuch mit ausreichend hoch dosierter Antibiotika über einen ausreichend langen Zeitraum wäre eine Möglichkeit Zweifel auszuräumen. Siehe auch Empfehlungen der „Deutschen Borreliosegesellschaft“. Dies ist eine Vereinigung von ca 50 Spezialisten von verschiedenen Fachgebieten und keine Selbshilfevereinigung. Die bestehenden Leitlinien sind veraltert und entsprechen eigentlich nicht mehr dem derzeitigen Forschungsstand.Sie werden immer öfter kritisch betrachtet.


Mit freundlichen Grüßen


B.A. Bartelt
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