Ärzte Zeitung, 19.01.2005

Neurologen laden zum Mittagsschläfchen ins Kino

Bundesweit einmalig: Im Frankfurter Metropolis können gestreßte Großstädter mittags 20 Minuten Energie tanken

Von Thomas Meißner

Bei leiser Musik und Wellenrauschen ist diese Besucherin des Frankfurter Kinocenters Metropolis in den Schlaf geglitten. Nach 20 Minuten wird sie von einem leisen Gong und einer sanften Stimme geweckt. Foto: ner

Leistungsbereitschaft ist das A und O in unserer Gesellschaft. Wer dem Ruhebedürfnis in der Mittagszeit oder am frühen Nachmittag nachgibt, dem wird es schnell als Schwäche oder Faulheit ausgelegt. Vielleicht war das der Grund, warum zwei Lübecker Nervenärzte ihr Entspannungskonzept für Jedermann mit den Begriffen "Energiepause" und "Power Napping" etikettiert haben - Begriffe, die auch bei einer Kinokette Anklang fanden.

Im Cinestar-Kino Metropolis in Frankfurt am Main kann man seit kurzem täglich zwischen 12 und 14 Uhr für drei Euro zwanzig Minuten lang Energie tanken - oder anders ausgedrückt: ein Kurzschläfchen halten.

Dr. Fritz König und sein Kollege Dr. Ulrich Feldtmann, beide niedergelassene Nervenärzte in Lübeck, haben für dieses Angebot ihr "Tiefenentspannungsverfahren mit der Ruhemoment-Technik" entwickelt. "Seit der Erfindung der Glühbirne schlafen wir anderthalb bis zwei Stunden weniger als zuvor", sagte König bei einer Vorstellung des Konzepts vor Frankfurter Büroleitern und Bänkern, die animiert werden sollen, ihren Angestellten die 20minütige Pause zu gönnen.

Im Sessel liegend, lauscht man dem Meeresrauschen

Dazu kann man es sich in einem der Sessel des eigens dafür reservierten Kinosaals bequem machen. König und Feldtmann haben zusammen mit einem Komponisten eine CD entwickelt, die dann abgespielt wird. Nach einigen Anweisungen und der Aufforderung, die Augen zu schließen, wird eine kleine Szene am Strand geschildert. Man soll sich vorstellen, wie man einen ruhigen Platz zur Entspannung aufsucht, sich in den Sand legt und dem Meeresrauschen lauscht. Zum akustischen Anrollen der Wellen spielt eine leise Melodie. Nach 20 Minuten werden die Besucher wieder sanft von einem Gong und der Stimme geweckt.

Daß in Deutschland und in anderen Industrieländern zu wenig geschlafen wird, beklagen Schlafforscher bereits seit einigen Jahren. Nach Angaben von Professor Göran Hajak aus Regensburg werden durchschnittlich sieben bis neun Stunden Schlaf pro Tag benötigt, die Deutschen schaffen gerade einmal etwas mehr als sieben Stunden. Folgen sind signifikant mehr Unfälle in Haushalt und auf der Straße, Herzkreislauferkrankungen, ja sogar die Alzheimer-Demenz wird zum Teil auf chronisches Schlafdefizit zurückgeführt. Mit einem gewissen Neid schaut man immer wieder auf die Bewohner der Mittelmeerländer, wo die Siesta zum gewohnten Tagesablauf gehört. Dabei ist die Mittagsruhe gar nicht deren Erfindung.

Die Hälfte der Weltbevölkerung legt sich mittags schlafen

"Seit Jahrtausenden kennt man diese bewährte Art der Kurzregeneration in nahezu allen Kulturen. In den nordeuropäischen und nordamerikanischen Staaten ist sie mit Industrialisierung aus dem Leben der meisten Berufstätigen verbannt worden", sagt König. Und: "50 Prozent Weltbevölkerung machen Mittagsschlaf!"

Mit gutem Grund. Denn alle biologischen Vorgänge unterliegen chronologischen Rhythmen. So folgt nach Erkenntnissen des US-amerikanischen Psychologen Ernest L. Rossi einer Aktivitätsphase von 90 bis 120 Minuten eine etwa 20minütige Erholungsphase mit verminderter Leistungsfähigkeit. Menschen zeigten ein biphasisches Schlafbedürfnis, so König: eine nächtliche Phase und eine zwischen 13 und 16 Uhr. Untersuchungen an der Stanford University hätten ergeben, daß der mittägliche Kurzschlaf eine hohe Vigilanz bis abends 20 Uhr gewährleistet.

Mißachtung der Müdigkeit führt zu chronischem Streß

"Der Kurzschlaf mittags bringt mehr, als morgens 20 Minuten länger zu schlafen", betont König. Die Mißachtung des Schlafbedürfnisses führe zu chronischem Streß und Überforderung. König und Feldtmann geht es daher um nichts weniger als die soziale Anerkennung einer physiologischen Tatsache. "Wir müssen eine neue Kultur der Pause und Kurzerholung schaffen", so König.

Die Lübecker Nervenärzte empfehlen ihre Entspannungstechnik insbesondere auch pflegenden Angehörigen von chronisch Kranken, etwa Alzheimer-Patienten, Schmerzpatienten sowie Kindern mit ADHS, denen es oft schwer fällt, zur Ruhe zu kommen.

Das Angebot des Frankfurter Kinos hat sich nach Auskunft der Initiatoren noch nicht durchgesetzt. Sollte sich die Idee jedoch herumsprechen und das Angebot in der halbjährigen Testphase zunehmend angenommen werden, soll "Power Napping" mit der Ruhemoment-Technik auch in anderen Kinos der Republik eingeführt werden.

Weitere Infos im Internet unter www.ruhemoment.de (dort kann auch die von Dr. Fritz König und Dr. Ulrich Feldtmann entwickelte Ruhemoment-CD für den eigenen Gebrauch bestellt werden) und unter www.schlafmed.de

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