Ärzte Zeitung, 07.11.2005

Arbeiten gegen die innere Uhr macht auf Dauer krank

Viele ehemalige Schichtarbeiter schlafen auch als Rentner schlecht / Jeder zweite Schichtarbeiter schläft regelmäßig bei der Arbeit ein

HAMBURG (nke). Schichtarbeit führt auf lange Sicht zu körperlichen und psychischen Schäden. 80 Prozent der Menschen, die nachts arbeiten, haben Magenbeschwerden. Schlafstörungen werden von bis zu 95 Prozent der Schichtarbeiter genannt. Selbst wenn die Betroffenen keine Schichtarbeit mehr machen, bleiben die Beschwerden oft noch lange erhalten.

"80 Prozent nehmen ihre Schlafstörung mit ins Rentenalter, und sie haben noch lange damit zu tun." Darauf wies Professor Jürgen Zulley aus Regensburg bei einer Veranstaltung des Unternehmens Cephalon in Hamburg hin. Nicht nur Schlafstörungen nachts, sondern vor allem auch die Müdigkeit am Arbeitsplatz beim Schichtdienst plagen die Betroffenen.

      Fast jeder vierte Berufstätige arbeitet im Schichtdienst.
   

Nach Daten einer schwedischen Studie schlafen 85 Prozent der Schichtarbeiter gelegentlich und 50 Prozent regelmäßig bei der Arbeit ein, so der Schlafmediziner. Darunter leide die Leistungsfähigkeit der Betroffenen, und Fehler würden wahrscheinlicher.

Um so wichtiger sei es, die Schlaf-Wach-Störung als Folge von Schichtarbeit, zum Beispiel bei Berufskraftfahrern oder Kapitänen, aber auch bei Ärzten und Pflegekräften ernst zu nehmen. "Übermüdung am Steuer ist die häufigste Ursache von schweren Verkehrsunfällen, nicht etwa Alkohol am Steuer", sagte Zulley.

Schichtarbeit ist in unserer 24-Stunden-Gesellschaft nicht mehr selten. Etwa 20 bis 25 Prozent der arbeitenden Bevölkerung arbeiten auch nachts, und etwa 14 Prozent sind dauerhaft in rotierenden Schichtsystemen tätig.

Fünf bis zehn Prozent der auch nachts Tätigen haben starke Schlaf-Wach-Störungen und benötigen deswegen eine Therapie, sagte Privatdozent Ingo Fietze von der Charité Berlin. Kennzeichnend für die Schlaf-Wach-Störung sind extreme Schläfrigkeit während der Arbeit, Schlaflosigkeit während der Hauptschlafphase sowie Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten.

Wegen der Beeinträchtigung des Schlaf-Wach-Rhythmus’ steigt außerdem das Risiko für Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen. Da die Verdauung hauptsächlich in der Nacht abläuft, komme es bei Nachtarbeitern auf lange Sicht häufig zu Magen-Darm-Erkrankungen, so Zulley.

"Um den biologischen Rhythmus kommen wir nicht herum, er beeinflußt viele körperliche Funktionen, mehr als allgemein angenommen wird." Je länger die Schichtarbeit dauere, umso höher sei das Risiko für Gesundheitsschäden. Zulley: "Wir nehmen an, daß fünf Jahre im Schichtdienst eine kritische Grenze sind."

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